2011: 022) Almuna – Pinera


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22. Tag – Mittwoch, 27.7.2011

von Almuna nach Pinera; 18 km; 280 Hm

Nochmal eine kurze Etappe aus verschiedenen Gründen. Ich wollte den Fuß noch etwas schonen. Vielleicht kann ich morgen schon etwas weiter gehen. Ich war heute schon hin und wieder geneigt, bis La Caridad zu gehen. Dann habe ich mich aber zur Ordnung gerufen. Ich denke, für den Fuß ist ein weiterer ruhiger Tag ganz gut. Lieber später als gar nicht ankommen. Außerdem habe ich viel zu schreiben und hoffe, einiges davon abarbeiten zu können, wann ich so früh in der Herberge bin. Und es kommt hinzu, dass die Herberge in La Caridad wohl eine Notherberge ist, weil die eigentliche verschimmelt und eingestürzt ist. Da möchte ich dann doch lieber nicht hin. Wenn ich morgen eine große Tour schaffe, so komme ich zu einer Herberge, die toll gelegen ist. Heute war richtig schönes Wetter. Vielleicht hält es ja bis morgen. Dann würde sich diese Herberge wirklich lohnen. Aber keine voreiligen Pläne schmieden. Ich war heute morgen so froh, dass es nicht geregnet hat und die Sonne ein wenig durchgeschaut hat. Da musste ich direkt einen großen Dank in die Welt lassen. Der Strecke war auch besser. Es ging nicht ganz so häufig auf der Straße und der Matsch hielt sich absolut in Grenzen. Allerdings gab es mal wieder eine Umleitung wegen der Autobahnbaustelle. Die haben hier so viele Straßen und schneiden trotzdem noch eine Autobahn durch die Gegend.

Gestern in der Herberge war ein Typ, der Ch. wohl schon mehrfach die Füße massieren wollte. Sie hat dann endlich eingewilligt, aber er hat wohl eine „Fernmassage“ gemacht. Sie war ziemlich sauer. Sie meinte, die würde nicht daran glauben. Aber deswegen würde es ja nicht schaden. Be. war da anderer Meinung. Er wollte wohl beten und hat schlechte Schwingungen gespürt. Dann hat sich A. die Füße massieren lassen. Bei ihr hat er eine normale Fußreflexzonenmassage gemacht. Er hat A. wohl auch erklärt, für welchen Teil gerade was wäre. Da war Ch. erst recht sauer. Ich glaube, sie hat ein paar ernste Probleme, und hoffe, dass sich davon was auflösen kann. Sie ist reichlich 30 war bisher Bibliothekarin und macht nun an einer Musikhochschule ein Studium in Gesangspädagogik. Sie muss mehrfach ihre Eltern anrufen, damit sie sich keine Sorgen machen. Sie hat volles Übergewicht, futtert aber auch viele fettige und süße Sachen. Dabei meint sie dann, dass ihr die warmen Mahlzeiten hier zu fettig seien und sie das nicht vertragen würde. Ich vermute aber, dass das mit ihrem Budget zusammenhängt. Sie hat sich 15 € pro Tag gesetzt. Da ist es schon knapp, jeden Tag das Tagesmenü zu essen, da ja doch hin und wieder etwas für die Herberge zu zahlen ist. Sie war (ist?) voll verschossen in M. und tief traurig, dass er den primitivo geht. Einmal fragte A., ob ich auch tief beeindruckt von M. wäre. Ich hatte wohl einiges über ihn erzählt. Da meinte ich, dass es schon einen Mann gäbe, von dem ich tief beeindruckt wäre, nämlich meinen Mann. Und da bräuchte ich nicht noch einen. Das fand A. voll süß. Sie meinte, sowas würde nur eine Frau sagen, die glücklich verheiratet wäre. Das fand ich dann wieder süß. Ch. weiß immer alles und zwar besser. Sie hat auch ein paar Sprüche drauf. Und dann sagt sie: „Wie ich ja immer so schön sage…“ Hm, hört sich für mich ein wenig eingebildet an. Ein Spruch ist: Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Ich finde das ganz schön abwertend. Überhaupt sind viele ihrer Aussagen wertend. Meist ist alles, was anders ist, als sie das machen würde, schlecht. Schade. Ich denke, gerade da kann man sich ruhig reichlich undicht-Sein leisten. Sie hat auch ein bisschen geklagt, dass sie keine feste Bindung hat. Vermutlich bekommt sie langsam ein bisschen Torschlusspanik. Sie meint, sie könne sich schlecht damit abfinden, allein zu bleiben. Ich denke aber, dass hier ihr großes Problem zuschlägt: Sie ist noch zu sehr an ihren Eltern verhaftet. Wenn sie sich da nicht befreit, wird sie wohl nicht offen genug sein für eine dauerhafte Partnerschaft. Sie wirkt auch in allem noch sehr kindlich und unfertig. Und das mit reichlich 30. Heute ist sie mit Be. gelaufen. Er wollte heute in Ruhe in der Sonne liegen. Irgendwann hat sie sich zu ihm gelegt. Hey, der Junge ist 19!! Gestern ging es auch um irgendeinen Mitlaufenden. Da hatte sie schon wieder ganz glänzende Augen und hat geschwärmt. Da habe ich dann – zugegebenermaßen etwas spitz – gesagt, dass sie aber nicht alle haben könne. Da wir aber gestern am Nachmittag sowieso viel rumgealbert und gelacht hatten, war das wohl gar nicht so schief angekommen. Ich habe mich in dieser Albernheit sehr wohl gefühlt – und auch ziemlich jung.

A. konnte heute in Luarca ihre Bargeldüberweisung abholen. Sie ist richtig glücklich. Sie hat mir gleich die 50 € zurückgegeben. Nun habe ich recht viel Geld bei mir, weil ich heute beim Automaten war. Aber ganz so tragisch ist es ja nicht. Ich versuche, gut darauf aufzupassen.

Ich habe meine Muschel vom Armband verloren. Ausgerechnet die Muschel. Ich habe immer meinem kleinen Finger reingesteckt und an MD gedacht. Allerdings weiß ich nicht, seit wann ich das nicht mehr gemacht habe. Seit Gijon? Da hatte ich einen Schmetterling-Ohrstecker gefunden. Ein Tausch? Was soll mir all das sagen? Der kreative anstelle des religiös-spirituellen Weges? Soll ich nach Santiago, um mir eine neue Muschel zu holen? Soll ich auch ohne „Hilfsmittel“ an MD denken können?

Gegenseitige Rücksichtnahme ist nach wie vor ein großes Thema. Und ich befürchte, ich kriege bald einen Lagerkoller und muss mir woanders was zum Schlafen suchen. Gestern gab es vor der Herberge noch lange eine Diskussionsrunde. Das ist ja grundsätzlich okay. Interessant ist, wie viel Aufmerksamkeit einige Leute so brauchen. Sie können es gar nicht aushalten, wenn andere mehr bekommen oder sie eine Weile keine bekommen. Ba. hatte von den Veränderungen in Polen erzählt. Sie hörte damit auf, dass Waleza den Dominostein angeschubst hat, der auf einer Jubiläumsfeier in Berlin alle anderen Steine umgeworfen hat. Sie war sehr bewegt und es war eine gute, dichte, nachdenkliche Atmosphäre. Da fing der Masseur plötzlich an: „Don’t worry, be happy!“ zu singen. Wie abgeschmackt. Allerdings habe ich es nicht geschafft, zu Wort zu kommen, um ein bisschen von den Veränderungen in der DDR zu erzählen. Na, dann eben nicht. Ist ja nicht schlimm. Ich hatte einen Schluck Wein bekommen. Gegen 22:00 Uhr wollte ich gehen. So recht wusste ich nicht, ob ich den Kreis sprengen soll, indem ich mich bedanke und gute Nacht sage. Ich habe mich dagegen entschieden. Aber ich habe mich doch auch unhöflich gefühlt. Gegen 22:30 Uhr bekam die Spanierin über mir im Bett einen Anruf. Das Handy hat bestimmt dreimal geklingelt, ehe sie es aus all ihrem Kram herausgefummelt hatte. Und nicht etwas, dass sie zum Telefonieren rausgegangen wäre. Nein, nein. Alles vom Bett aus. Ein paar Minuten später kame L. rein und räumte ihr Bett um. Sie kann nicht schlafen, wenn über ihr einer schläft. Also sollte ihre Matratze auf den Boden. Dazu musste aber etliches umgeräumt werden. Mitten in der Nacht. Die hat sie doch nicht mehr alle. Sorry, das ist auch bewertend. Morgens habe ich dann mehr Lärm machen müssen, weil meine Sachen ganz anders lagen. Die Bank stand auf meinen Sandalen. Meine Wanderschuhe waren ziemlich verkramt. Zumindest hat sie heute schon jetzt ihre Matratze unten. Ich habe meine Sachen eingerichtet. Als ich vom Einkaufen wieder kam, war sie auf die andere Seite vom Bett gezogen und hat meine ganzen Sachen umgeräumt. Oh, wie ich das hasse. Auch wenn Leute meine Wäsche zusammenschieben, um ihre tropfnasse Wäsche neben die fast trockene Wäsche zu hängen. Natürlich wollen auch sie die Sachen aufhängen. Aber es gab noch viel anderen Platz. Und wenn, dann hängt man nass neben nass. Naja. Die Frage ist natürlich, warum mich das so ärgert. Ein Punkt ist sicher, dass ich mit bei allen Handgriffen was denke und so das Gefühl habe, dass das zunichte gemacht wird. Ein anderer Punkt ist aber sicher auch, dass ich mich ziemlich hin und her geschubst fühle. Und L. ist eine, die ziemlich schubst. Warum wird sie nicht hin und her geschubst? Was macht sie anders?


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