2014-2: 1) Lyon, Cluny, Gros Bois


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Anreise nach Lyon – Dienstag, 12.8.2014

Gegen 10:00 machen wir uns auf. Erstmal beim Bäcker ein paar Brötchen. Man kann ja nie früh genug mit der Pilgerkost beginnen. Wir haben uns für den Zug um 11:14 nach Frankfurt entschieden. Ich kann mich nicht erinnern, je pünktlich mit ihm in Frankfurt angekommen zu sein. Und so passiert es auch heute. Wir schaffen den Anschluss in Mainz nicht. Also weiter mit dem nächsten Regionalzug. Der ist proppe voll, weil nun alle diesen Zug benutzen. Ein sehr alter Mann bekommt keinen Sitzplatz und wackelt ziemlich im Gang herum. Ich bitte ihn auf meinen Platz. Schlechte-Gewissens-Gesichter bei einigen der jüngeren Mitfahrenden. Der Mann ist sehr gesprächig, aber das überlasse ich nun doch lieber Anderen.
Auch dieser Zug hat Verspätung. Aber wir haben noch ca. 20 min Zeit, um noch einmal die Versorgungslage zu sichern.
Weiter geht es mit einem TGV in der 1. Klasse, weil dieses Ticket immer noch um einiges billiger war als das preisreduzierte in der 2. Klasse. Ist mir unerklärlich. Und eigentlich ist der Luxus dem Pilgern nicht angemessen. Aber ich genieße ihn jetzt trotzdem.
Pünktliche Ankunft in Lyon. Das Hotel ist schnell gefunden. Eingecheckt, Rucksack in die Ecke und schnell noch ein paar Stadtblicke in der Abenddämmerung erhascht. Nach dem Abendessen sind viele Gebäude in gelbes Licht getaucht. Wie wunderschön.
Auf dem Rückweg huschen wir noch schnell beim Bahnhof rein und besorgen die Tickets für morgen nach Cluny. So können wir morgen ungestört einen halben Tag Lyon genießen.
Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine


0. Tag – Mittwoch, 13.8.2014

Das gleichmäßige Rauschen von Regen weckt uns. Schade. Aber erstmal ausgiebig gefrühstückt und Sachen gepackt. Inzwischen hat der Regen aufgehört.
Und los geht es, um Lyon zu erkunden. Wir haben einen halben Tag Zeit. Zuerst gehen wir noch einmal in die Altstadt. Bei Tageslicht gibt es eine komplett andere Atmosphäre. Wir wollen in die Kathedrale St. Jean. Sie ist riesig, wird aber stark überarbeitet, sodass nur ein kleiner Teil besichtigt werden kann. Der Rest ist mit Tüchern zugehängt. So kann man die Kathedrale gar nicht erspüren. Draußen ist ein Muschelzeichen eingelassen und wir versuchen, einen Stempel für unseren Ausweis zu bekommen. In der Sakristei. Die können wir nicht finden und stehen vor einem geschlossenen Kirchenladen. „Der ist zu“, meint ein junger Kerl. Ja. „Wir suchen die Sakristei.“ „La sakristie? C’est moi.“ Oh, eine Sakristei hatte ich mir aber anders vorgestellt. Er möchte noch eine Frau verabschieden und bittet uns zu warten. Dann nimmt er uns mit in die Sakristei direkt in der Kathedrale. Wir bekommen einen schönen Stempel und reden noch ein wenig übers Pilgern.
Unser nächstes Ziel ist die Basilika Notre Dame. Dazu müssen wir ganz nach oben auf den Fouvière Hügel. Wir treffen einen italienischen Burschen aus Florence, der sich ebenfalls die Basilika ansehen will. Es fängt wieder an zu regnen und unter einem Mauerbogen ziehen wir unsere Regensachen an. Der Italiener bleibt noch etwas unterstehen. Oben angekommen ist der Regen schnell vorbei. Die Basilika ist wunder-, wunderschön. In der Krypta gibt es ein riesiges Mosaik, das das Pilgern darstellt.
An einem Sendemast vorbei, der an den Eifelturm erinnert, geht es über eine lange Treppe wieder nach unten in die Altstadt. Eine Patisserie lädt uns zu einem Mittagssnack ein. Dann nehmen wir den nächsten O-Bus zum Bahnhof. Ein junger Mann aus Venezuela, der im französischen Kanada lebt gesellt sich zu uns. Er ist auf Weltreise und fährt morgen weiter nach Brüssel und dann in die Niederlanden.
Da wir noch etwas Zeit haben, schauen wir bei Decathlon vorbei und MD kauft sich matschresistente Schuhe. Dann treten wir die Reise nach Cluny an.
Pünktlich sind wir da, beziehen unser Zimmer, holen und einen tollen Stempel in der Information, essen etwas zu Abend.

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Morgen geht es dann „richtig“ los.
Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine


1. Tag – Donnerstag, 14.8.2014

Cluny – Gros Bois –> 33,88 km
Das Frühstück mit Baguette, Butter, Marmelade und Kaffee bereitet uns einen kommunikativen Start in den Tag. Die Damen wollen ein wenig wissen über unser Woher und Wohin. Eine der Damen hat eine recht strikte Auffassung davon, was „richtiges“ Pilgern ist. Hört sich etwas an wie: „Pilgern muss weh tun.“ Tut es zwar manchmal, aber muss es das wirklich? Dann schaltet sich ein Deutscher aus Berlin ein und fragt ein bisschen über den Camino, weil er ihn auch unbedingt gehen will. Derzeit halten ihn Kinder, Arbeit und Familie davon ab. Aber wer auf den Camino will, findet auch auf den Camino. Er ist am Ahr-Gebiet aufgewachsen, hat lange in Bonn gearbeitet, ist nun aber in Berlin.
Wir brechen auf. Dem Pessimismus von MDs Wetter-App folgen wir nicht und lassen die Regensachen im Rucksack.
Erstmal bis Tramayes. Dort wollen wir entscheiden, wie es weitergeht. Von der Unterkunft zum Camino finden wir schnell, auch wenn das Navi noch meint, es gäbe keine Satelliten mehr. Es geht über kleine Straßen,  Feld- und Waldwege. Matsch bleibt nicht aus. Hin und wieder versperren uns breite lange Wasserlachen den Weg, sodass wir uns durchs Unterholz schlagen müssen.
Ste.-Cecile ist ein kleiner Ort mit Bäckerei, Acceuil de pelerin und netten Leuten, die uns lächelnd Bon courage und Ultreia wünschen.
Nun müssen wir eine ziemlich lange Strecke bergauf, überwiegend sanft und stetig, nur selten etwas steiler. Es gibt Kühe, Pferde und Schafe anzuschauen und auch Brombeeren laden zu einem Verschnaufer ein, was MD gern annimmt und mir die Möglichkeit zu mehr oder weniger großen Kostproben gibt. Bei MD kündigt sich eine Blase an, sodass wir stoppen, um Tape draufzukleben. Da es ganz in unserer Nähe schon regnet, sodass man es riechen kann, ziehen wir das Regenzeug über. Wir bekommen aber nur ein paar Spritzer ab. An einer Stelle geht ein zugewachsener Wiesenweg leicht rechts ab. Sieht eigentlich eher wie eine Feldbegrenzung aus. Keine Wegmarkierung oder Richtungsweiser. Also bleiben wir auf dem ursprünglichen Weg. Nach einer Weile checke ich das lieber auf dem Navi. Mist. Die Wiese wäre der richtige Weg gewesen. Also zurück. Glücklicherweise nur ca. 500 m Umweg.
Wie vor zwei Jahren ist die Mairie in Tramayes zu. Wir versorgen uns in einem Carrefour express mit Kalorien und Flüssigkeit und machen in einer Bar eine ausgiebige Pause. Wir trinken Kaffee und essen unsere Einkäufe. MD hat eine Blase, die versorgt werden will.
Wie soll es weitergehen? 5 km anstregend, aber schön, und morgen 30 km? Oder noch 11 km auf wenig befahrener Straße und morgen 25 km? Wir entscheiden uns für die Straße. Als wir aufbrechen wollen, regnet es aus einer dicken Wolke. Aber sie zieht weiter. Wir auch, aber in die andere Richtung.
Es läuft sich gut. Aber MDs Blase macht sich stärker bemerkbar. Aber bald schon sind wir in Ouroux. Doch hier fühlen wir uns als Pilger nicht willkommen. Der Laden wird gerade aufgemacht. Die Frau fühlt sich durch meine Frage nach der Mairie genervt und weist diffus die Straße runter. Dass sie zu hat, sagt sie nicht. Die Herberge finden wir – menschenleer. Zumindest ist die Frau so nett und ruft die Herbergsdame an. Complet. Wie bitte? 17:00, keinen Menschenseele, aber ausgebucht? Ich habe keine Ahnung, wie das geht. Es gibt noch ein Chambre d’Hotes. Wir gehen hin. Ein Zettel informiert uns, dass die Besitzerin zu ihrer Tante gefahren ist und uns bis zum nächsten Mal alles Gute wünscht. Was nun? Die nächste Möglichkeit liegt 2 km steiler Aufstieg entfernt. MD ist schon ziemlich kaputt. Aber wie/was sonst? Wir rufen an. Ja, kein Problem – sogar mit Halbpension. Wir ruhen noch ein wenig aus, bis uns eine Nachbarin für Landstreicher hält und fragt, was wir hier wollen.
Langsam schieben wir uns also den Berg nach oben. Hier war ich vor zwei Jahren auch und erkenne es wieder. Der Herr meint auch, mich wiederzuerkennen. Wie nett – selbst falls es nicht stimmen sollte. Ich fühle mich willkommen.
Zwei Stunden haben wir, um uns und die Klamotten zu waschen, die Blasen zu versorgen und auszuruhen.
Dann geht’s ans Essen: Vorspeise (Cracker), Salat, Kalbfleisch mit Erbsen (mit Speck), Käse und Eis. Dazu Wasser und Rotwein. Alles sehr lecker und ausreichend. Wer hätte das drei Stunden zuvor gedacht. In der Herberge in Ouroux hätten wir uns selbst kümmern müssen. Wir unterhalten uns über alles Mögliche,  u. a. über die petrochemische Industrie in Frankreich und Deutschland. Wenn wir unser beider Französisch zusammenwerfen, verstehen wir knapp die Hälfte. Reden ist schon schwieriger, und unser gemeinsamer Wortschatz wird bis an seine Grenzen belastet.
Satt, zufrieden und mit vielen neuen Eindrücken gehen wir schlafen.
Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine


weiter mit Gros Bois, Propiere, Le Cergne, Briennon


 

 

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