2014-2: 2) Gros Bois, Propiere, Le Cergne, Briennon


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2. Tag – Freitag, 15.8.2014

Gros Bois – Propiere –> 24,75 km
Mitten in der Nacht stürze ich von meiner Camino-Wolke ab und schlage hart auf dem Asphalt der – der was eigentlich? – der Realität (?) auf. Eine Sumpf- und Schlammwelle aus Schuldgefühlen, falsch-Machen, nichts-Können und unnutz-Sein schwappt über mich und reißt mich mit sich fort. Wieso erlaube ich es mir, hier zu sein, wo ich – wo auch immer – sein sollte ohne Sinn und Verstand. Aber welche Realität ist nun die richtige Realität: die Camino-Wolke oder der Schlammsumpf? Und warum ticke ich zwischen diesen beiden Extremen hin und her? Hier steht wohl noch viel Arbeit an…
Offensichtlich sind wir die einzigen Ess-Gäste und so haben wir ein Frühstück zu Zweit. Frisches Baguette mit Butter dazu Kaffee au lait. Was will/braucht man mehr?
Der Pessimismus von MDs WetterApp passt zum Blick nach draußen und wir ziehen die Regensachen gleich über. Zuerst zum Col de Crie. Dort ist die Information offen und es gibt einen netten Stempel. Es geht lange Strecken steil bergauf über steinige und/oder matschige Wege. Und in der Tat bekommen die Regensachen richtig zu tun.
Da wir uns ein wenig mit dem Geld verkalkuliert haben, müssen wir in den nächsten größeren Ort, der einen Bankomaten hat. Das bedeutet einen Umweg von 5 km – und es regnet, regnet, regnet.
Geld bekommen wir. Aber wir gönnen uns auch ein zweites Frühstück. Aus œufs brouilles wird Omlett, was aber auch sehr lecker ist. Und das Brot erst. Njam. Ein älterer Mann versucht ein Gespräch mit uns. Ich verstehe ihn nur sehr schwer. Zumindest versteht MD , dass er mal in Deutschland mit seinem Lastwagen war.
Es regnet immer noch. Aber es hilft alles nichts – wir wollen/müssen weiter. Lange, steile Aufstiege über schlammige Geröllstrecken erwarten uns. Immerhin setzt der Regen hin und wieder aus.
In Propriere angekommen ist die Frage, ob wir eine Unterkunft bekommen. Heute ist Tag des Pilgerns in Frankreich; das bedeutet Feiertag. Und da Freitag ist, macht das ein langes Wochenende. Das im Guide angegebene Hotel hat eine Feiergesellschaft im Restaurant und damit vollen Stress. Trotzdem bekommen wir ein Zimmer und können unseren täglichen Handgriffen nachgehen.
Gestern war nicht alle Wäsche trocken geworden. So hängt heute deutlich mehr auf der Leine.

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Ich versuche, für morgen eine Unterkunft zu reservieren. Das Hotel in Le Cergne hat Urlaub. Die Privatleute, bei denen ich vor zwei Jahren war, können nicht. Aber die Dame gibt mir die Nummer einer Gite. Die steht gar nicht im Guide, aber in dem orangnen Heftchen, das wir in Cluny gekauft hatten. Dort meint ein Anrufbeantworter,  dass schnellstmöglich zurückgerufen wird. Hm. Also gehen wir morgen wieder ohne Reservierung los.
Zum Abendessen gibt es ein Menü. Wir verstehen nicht alles, was den Wirt wundert, weil ich seiner Meinung nach gut Französisch spreche. Gegen Ende des Abends revidiert er das zu „n’est pas mal“, womit ich deutlich besser leben kann, wofür ich aber immer noch eine Menge lernen und üben müsste.
Es gibt Salat, Kalbfleisch mit Pfifferlingssauce, zwei halben gebackenen Tomaten und Blumenkohl, eine Käseplatte und Creme brulee. So geht Pilgern in Frankreich.
Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine


3. Tag – Samstag, 16.8.2014

Propiere – Le Cergne – 21,49 km
Wir sind zu Zweit beim Frühstück, als drei Arbeiter des Ortes in die Bar kommen und einen Kaffee trinken. Sie diskutieren mit dem Wirt und sofort ist quirliges Leben um uns herum.
Es ist kein Regen angesagt, auch wenn der Blick zum Himmel nicht überzeugend ausfällt. Wir lassen die Regenklamotten im Rucksack und werden es nicht bereuen.
Der erste Teil der Tour geht noch mächtig bergauf. Schlamm und Matsch sind auch heute über lange Strecken unausweichliche Begleiter.
Wir treffen O, einen Franzosen, der gerade sein zweites Frühstück in Form von Brombeeren zu sich nimmt. Er will bis Santiago und ist in Cluny gestartet. Er hat eine Zelt dabei. Sein Rucksack wiegt nach seinen Aussagen 25 kg. Mit der Beschilderung kommt er noch nicht so recht klar. Ich finde sie ganz ausgezeichnet. Eigentlich bräuchte ich das Navi heute nicht. Ein herzliches Dankeschön an die fleißigen Hände und netten Seelen, die dahinterstehen.
O kann bei den Privatleuten in Le Cergne sein Zelt im Garten aufstellen und die Dusche benutzen. Sie werden ihm Essen hinstellen. Wie toll.
Wir haben immer noch keine Unterkunft, genießen in Le Cergne aber erstmal einen Kaffee. Derweil versuche ich, die verschiedenen (verbliebenen) Unterkunftsmöglichkeiten anzutelefonieren. Die Verbindung zu den Chalets des Ortes klappt nicht oder ein Anrufbeantworter geht ran. Im nächsten Ort, der dazu auch noch abseits des Weges liegt, informiert der Anrufbeantworter, dass Urlaub ist. Bei der Fraternite noch einen Ort weiter gibt es wieder nur einen Anrufbeantworter. Langsam werde ich nervös. Langsam wird es auch später und wenn wir tatsächlich noch weiter müssten, sollten wir langsam los. MD unterhält sich mit einem Franzosen und scheint es sichtlich zu genießen. Das bessert meine Stimmung gar nicht.
Ich versuche es noch einmal bei der Fraternite. Jetzt geht jemand dran. Für heute? Oh, da müsse sie fragen. Ich soll in 2 min nochmal anrufen. Inzwischen hat die Bardame unser Problem verstanden und probiert es bei den Chalets. Hm, ich soll doch aber gleich noch einmal bei der Fraternite anrufen. Es wird kuddelmuddelig. Die Chalets sind complets. Ich rufe noch einmal bei der Fraternite an. Irgendwelche Erklärungen zu heute Abend, die ich aber nur zur Hälfte verstehe. Man wolle mir noch eine andere Nummer geben, wo Pilger aufgenommen werden. Ich soll in 5 min nochmal anrufen.
Okay, ich bereite mich innerlich auf den Abmarsch vor, gehe noch einmal ums Eck und bin in ziemlichem Panikmodus angekommen. Während ich mit den Besonderheiten französischer Stehtoiletten kämpfe, höre ich das Handy der Bardame klingeln. Es ist wohl doch ein Chalet frei, aber noch nicht gesäubert. Wer fragt denn nach sowas? Wir sollen hingehen, die Chaletdame ist in 10 min da. So langsam kann die Nachmittagssonne auch wieder bis zu mir durchdringen.
Wir bekommen das gelbe Chalet. Ist schon echt luxuriös. Es gibt auch eine tolle Küche. Wir fragen tatsächlich noch nach einem Laden, ohne wirklich mit einer positiven Antwort zu rechnen. Der Ort ist klein und es ist Samstagnachmittag. Nein, der hat nicht offen. Ein Supermarkt in 3 km Entfernung hat offen. Ob er uns hinfahren solle, fragt ein Mann, der wohl irgendwie zu den Chalets gehört und auch noch Deutsch spricht. Eine in mehrfacher Hinsicht gute, hilfsbereite und hilfreiche Seele. So kann sich das Geschick in wenigen Minuten von Panikmodus zu überschwänglicher Freude und Glück wandeln.
Der Mann kommt eigentlich aus Paris, hat sich aber hier niedergelassen, weil die Gegend und die Menschen hier so toll sind. Beides können wir vorbehaltlos bestätigen. Inzwischen hat er hier ein Haus gekauft und wird in zwei Monaten sein Haus in Paris verkaufen.
Wie bedankt man sich für solche Hilfe? Einfach Geld in die Hand zu drücken, finden wir zu profan. Ich sage zum Abschied, dass wir in Santiago an ihn denken werden. Das rührt ihn fast zu Tränen.
Das Abendessen fällt dann heute also nicht so umfangreich und haute-cuisinär aus, ist aber reichlich, ausreichend lecker und macht satt.
Staunend über die Wunder, mit denen wir heute beschenkt wurden, gehen wir schlafen.
Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine


4. Tag – Sonntag, 17.8.2014

Le Cergne – Briennon – 27,90 km
Wir machen ein kleines Frühstück in „unserem“ Chalet. Dann sehen wir zu, dass wir nicht zu viel Dreck hinterlassen: abwaschen, fegen, Mülltüte entsorgen. Wir wollen nicht der Grund sein, dass keine weiteren Pilger aufgenommen werden.
Gegen 8:00 geht’s los. MD möchte zuerst noch einmal bei der Bardame von gestern vorbei und sich noch einmal herzlichen bedanken. Ich packe die Gelegenheit beim Schopfe und bitte um einen Stempel für die Pilgerausweise.
Laut Buch und auch laut meiner Erinnerung soll es auf dem ersten Teil der Strecke nur bergab gehen. Einen Abstieg hatte ich sogar als „Pilgerkill“ bezeichnet. Es war aber alles nicht so schlimm und es ging deutlich öfter bergauf als gedacht. MD meint, dass das wohl auch am Trainingseffekt der dazwischen liegenden Camino-km liegen könnte.
In Pont du Mars haben wir zwei Möglichkeiten für den weiteren Weg. Wir sind am Beratschlagen, als eine kleine, couragierte Frau zu uns kommt und uns in recht gutem Englisch beide Wegvarianten erklärt. Dabei ist ihre eigene Präferenz nicht zu verkennen. Am besten gefällt uns, wie sie Anstiege lautmalerisch unterstreicht.
In Charlieu machen wir eine Pause in einer Bar mit Kaffee für mich und Cola für MD . Danach setzen wir uns an der Abtei auf eine Bank und genießen ein paar Kostbarkeiten aus der Patisseri. Bei der Touristeninfo gibt es einen schönen Stempel.
In Pouilly-sous-Charlieu gibt es eine Kirche des Convent des Cordeliers. Hier sollen Friese mit den Lastern und Tugenden in Tiergestalt zu sehen sein. Leider ist die Kirche zu.
Nicht mehr weit und wir haben unser Ziel für heute erreicht. Das Zimmer ist ziemlich verwohnt, aber wir haben zwei Betten und können warm duschen und unsere Wäsche waschen. Ein wenig kündigen sich „Versorgungsprobleme“ an. Vieles ist zu wegen Urlaub – selbst Unterkünfte. Ansonsten ist Montag für viele Läden Schließtag. Wir werden uns morgen also überraschen lassen.
Zum Abendessen sind wir zurück in den letzten Ort an unserem Weg gegangen. Dort hatte eine Pizzeria offen.
Inzwischen haben wir ca. 1/3 der für dieses Jahr geplanten Strecke geschafft.
Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine


weiter mit Briennon, Renainson, Les Trois Ponts, Montverdun


 

 

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