Mitgefühl per E-Mail?

Wie geht man mit jemandem um, der einem seine Krebsdiagnose per E-Mail mitgeteilt hat?

Nein, es kam nicht ganz überraschend.

Er ist auch ein Koordinator des Projekts mit Nishnij Nowgorod, ist aber von einer anderen Firma. Da er schon pensioniert ist, hat er deutlich mehr Zeit und Engagement in das Projekt gesteckt. Wir haben uns immer mal wieder getroffen, um uns in verschiedenen Punkten abzustimmen.

So hatten wir uns kurz vor Weihnachten noch einmal auf einen Kaffee getroffen. Da hatte ich gemerkt, dass er sehr abgenommen hatte. Grundsätzlich ist das nicht unbedingt ein Problem. Er kocht gern und isst gern, was man ihm dann eben auch ein stückweit ansah. Aber es war eben so schnell und so viel, dass es wirklich auffiel.

Wir haben kurz darüber gesprochen. Er machte sich nicht wirklich Sorge deswegen und wollte im neuen Jahr mal zu einem Arzt gehen, wenn es sich über die Feiertage nicht geändert haben sollte. Ich versuche zwar auch immer, optimistisch zu sein, aber ein gewisses Stück Skepsis blieb doch. Und schon in seinem Weihnachtsgruß kündigte er an, dass er diese Woche im Krankenhaus zu Untersuchungen sein würde. Das war schon der erste Schlag gegen den Optimismus. Und heute nun hat er eine Mail geschrieben, dass es Krebs ist mit Metastasen und dass am Montag die Chemo beginnt.

Und wie geht man jetzt mit so etwas um? Schreibt man eine E-Mail, wie leid es einem tut? Das ist doch nichtssagend. Und helfen tut es auch nicht. Ruft man an? Und wenn jemand der Familie rangeht? Wie drückt man Mitgefühl aus, ohne arrogant zu wirken? Wie drückt man Mitgefühl aus, ohne nochmehr Wunden zu schlagen? Wie drückt man Mitgefühl aus, ohne dass der Andere den Eindruck kriegt, dass er schon fast gestorben ist? Was ist überhaupt etwas, was jemandem in so einer Situation etwas geben kann? Was braucht jemand in so einer Situation? Worte wohl ganz bestimmt nicht. Und erst recht keine dummen Sprüche. Inwieweit hat er sich selbst schon mit der Situation auseinander gesetzt? Wie klar ist ihm, wie es weitergehen wird?

Auch wenn es nicht ganz unverhofft ist, bin ich doch etwas geschockt und ziemlich verwirrt hinsichtlich dessen, was ich jetzt machen soll. Ja, es tut mir leid, dass er das jetzt durchmachen muss. Vielleicht muss er sterben? Nichtmal 70 ist ja nicht gerade ein hohes Alter für unsere Region. Aber er hatte ein gutes, erfülltest Leben. Er hat immer recht zufrieden auf das zurückgeblickt, was er erlebt und geschaffen hat. Er hat eine gute Familie – zumindest soweit ich das mitbekommen habe. Er hatte eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Er hat viele gute Freunde und Bekannte. Er hat sich gerade seit seiner Pensionierung auch für gute Zwecke eingesetzt. Er hat sein Leben genossen. In diesem Sinne ist er wohl zu den glücklichen Menschen zu zählen. Aber ich hätte ihm schon gegönnt, dass er das noch lange genießen kann.

Okay, ich werde das jetzt erstmal arbeiten lassen, eine Nacht darüber schlafen und morgen noch einmal versuchen zu überlegen, wie ich jetzt auf diese E-Mail reagiere.

Wir sehen uns auf dem Weg.

Let’s go!

Belana Hermine

Ich freue mich auf Deinen Kommentar. Bitte beachte aber, dass Daten gespeichert werden (siehe Datenschutzerklärung).

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.