Erwachsensein: neue Freiheit und/oder neue Zwänge?

Ein Beitrag auf Nicoles Blog und die Diskussion dazu hat mich zum Nachdenken verleitet. Nochmal lieben Dank für diesen Denkanstoß, Nicole. Und hier soll es nun die ersten Ergebnisse davon geben. Ich sage es aber gleich: ich bin wohl mit dem Nachdenken noch nicht fertig 😉

Ausgangspunkt war unter anderem, dass man ja wohl oder übel irgendwann mal erwachsen ist. Und dann gab es eine Liste von Punkten, die (neben anderen) das Erwachsensein beschreiben. Für mich hörten sie sich ziemlich nach Zwang an. Und das war der Anfang der Diskussion. Gibt es nicht inzwischen viel weniger Zwänge oder ist es nicht vielleicht inzwischen viel einfacher, sich den Zwängen zu widersetzen?

Also, wenn man Kind oder Jugendlicher ist, dann unterliegt man ja doch in vielem dem, was die Eltern sagen (sie haben das Geld), was die Schule sagt, was die Freunde sagen. Außenseiter gibt es in jeder Klasse. Und die haben es manchmal verdammt schwer. Und das nicht nur, weil sie vielleicht besonders gute Noten haben – nein, einfach weil sie anders sind und man sich vielleicht vor dem Anderssein Anderer fürchtet? Vielleicht auch, weil man selbst anders sein möchte, es sich aber nicht traut, weil es eben nicht so einfach ist, es durchzustehen? Und so hat man dann das Gefühl einer völligen Freiheit, wenn man eigenes Geld verdient, wenn man eine eigene Bude hat, wenn man neue Freunde findet, die vielleicht eher dem eigenen Stil entsprechen. Ja, Freiheit in diesem Sinne gibt es definitiv. Aber man tauscht sie auch gegen eine gewisse Freiheit aus Kindertagen ein – man hat jetzt auch mehr Verantwortung.

Aber – könnte man jetzt einwenden – die ganzen Zwänge von Eltern und Schule etc. sind doch jetzt weg. Jetzt zwingt einen niemand und nichts mehr. Nun, das mag am Anfang den Anschein haben. Aber man entwickelt sich weiter und will mal andere Dinge ausprobieren. Und dann merkt man plötzlich, dass es da doch Grenzen und eben Zwänge gibt, die zu durchbrechen mehr oder weniger genauso schwer sind wie damals in der Jugend.

Andererseits denke ich aber auch, dass man als Erwachsener mehr und bessere Möglichkeiten hat, mit diesen Zwängen umzugehen. Nur viele tun es eben nicht. Warum nicht? Trauen sie sich nicht? Sind sie zu sehr im Gewohnten verhaftet? Meinen sie, der Zug sei abgefahren? Was auch immer es ist, die meisten Gründen sind wohl eher vorgeschoben. Also, ich spreche jetzt nicht von denen, die durch Krankheit eingeschränkt sind, obwohl auch hier möglicherweise mehr geht, als man gemeinhin für machbar hält.

Ich will mal ein drei Bespiele nennen:

Als ich auf meinen „großen“ Jakobsweg war, habe ich in Bad Münstereifel in der Jugendherberge zwei Schulklassen mit ihren Lehrern getroffen. Mit einem bin ich etwas ins Gespräch gekommen. Er hat mich beneidet, dass ich so viel Zeit habe, den Weg zu gehen. Es stellte sich aber heraus, dass er auch regelmäßig die Möglichkeit hat, ein Sabbatical zu nehmen. Das einzige Problem war, dass man ihm nicht zusichern konnte, dass er unbedingt wieder in dieselbe Schule an seinem Ort zurück kommt. Wer zwängt hier wen ein? Außerdem muss man ja nicht jedes Mal den ganzen Weg von zu Hause bis Santiago gehen. Selbst für 2 Wochen dort von Ort zu Ort zu wandern ist schon ein tolles Erlebnis. Und 2 Wochen Urlaub sind für die meisten machbar.

Ich war mal für ein halbes Jahr in unserem Partnerunternehmen in Russland, weil ich es unbedingt wollte. Sicher wäre von der Unternehmensleitung keiner einfach so auf die Idee gekommen. Aber so Scheibchen für Scheibchen habe ich ihnen die Sache schmackhaft machen können. Im Sommer, bevor ich gegangen bin, hatten wir eine Straßenfete. Da meinte eine Nachbarin: „Oh, Du hast es gut, dass Du das machen kannst.“ Es stellte sich aber heraus, dass sie eigentlich gar nicht ein halbes Jahr nach Russland wollte und eigentlich auch sonst keine speziellen Vorstellungen darüber hatte, was sie machen möchte. Auch hier kann man wohl keiner äußeren Macht die Schuld geben.

Das dritte Beispiel bezieht sich auf das, was ich des öfteren morgens in der Straßenbahn mitbekomme – meist montags. Wie viele beklagen sich da, dass es schon wieder Montag ist und wie sehr man sich auf den Freitag freut. Ähnlich häufig höre ich, wie sehr sich Leute auf ihren Ruhestand freuen. Mir läuft es da immer etwas gruselig den Rücken runter: Hallo, dann steht man schon mit einem Bein im Grab!!! Wäre es nicht sinnvoller zu schauen, dass man sich den Job – wenn man ihn wirklich ganz und gar nicht wechseln kann – so gestaltet, dass man ein wenig Zufriedenheit daraus zieht? Dass man also nicht allein aus der Freude auf den Freitag oder den Ruhestand leben muss? Das macht mich echt traurig und ratlos. Und ich rede auch hier nicht von denen, die aufgrund bestimmter Einschränkungen nicht die volle Wahlmöglichkeit an Berufen/Arbeitsstellen haben.

Ist es nicht häufig die Angst vor dem Unbekannten, die uns abhält, nach etwas Besserem zu suchen? Da ertrage ich lieber das weniger Gute, um nicht im Zweifel in einer noch schlechteren Lage zu landen (aus der man sich ja auch wieder befreien könnte)? Wer kämpft kann verlieren – wer nicht kämpft hat schon verloren (Der Spruch ist natürlich nicht von mir!).

Wagen wir das Neue, das Unbekannte und lassen wir uns nicht von unseren eigenen Ängsten oder den schrägen Blicken Anderer davon abhalten, nach unserem ganz eigenen Glück zu suchen – und es zu finden – egal, wie es aussehen mag.

PS: Wenn das ein Schulaufsatz gewesen wäre, hätte wohl darunter gestanden „Thema verfehlt“. Das hatte jetzt wohl nicht mehr allzu viel mit der Ausgangsfrage zu tun. Aber es musste jetzt eben so raus 😉

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

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