Mogilia – Teil 2

zu Teil 1

Von der Oberin gefunden

So vergeht der Sommer. Und auch der Herbst ist bald zu Ende. Es wird sehr kalt. Der erste Schnee fällt. Mogilia gelingt es nicht mehr, warm zu bleiben. Immer öfter geht sie zum Markt, um sich an einem der Feuer zu wärmen. Manchmal schlummert sie ein wenig ein und träumt von Wärme und Licht.

Plötzlich zieht ein stechender Schmerz durch ihren Kopf. Autsch. Was ist das? Die Oberin zieht sie an ihrem Zopf unsanft nach oben und hält sie in der Luft: „Wen haben wir denn da?“ Ein kurzer Schwall von Panik durchzieht Mogilia. Sie vertreibt ihn sofort und schaut der Oberin mutig in die Augen. „Wie heißt du?“, will die Oberin wissen. „Mogilia!“, antwortet Mogilia. „Was für ein alberner Name“, amüsiert sich die Oberin. „Komm mit. Wir machen einen anständigen Menschen aus Dir!“ Aber Mogilia will nicht: „Nein. Ich habe mein Zuhause.“ Doch die Oberin schleift sie an ihrem Zopf hinter sich her. Mogilia bleibt nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

Die Oberin stößt Mogilia in einen Raum zu einer älteren, nett aussehenden Frau. „Elisa, mach einen Menschen aus diesem Dreckstück. Dann bring sie zu mir.“ Damit verlässt sie den Raum.

„Elisa, warum bin ich hier?“, fragt Mogilia. „Du wirst eine Braut Gottes“, meint Elisa. „Wieso? Was ist das?“, wundert sich Mogilia. Elisa meint: „Es ist eine große Ehre.“ „Ich will aber nicht“, empört sich Mogilia. Aber Elisa duldet keinen Widerspruch: „Das hast nicht du zu entscheiden. Und nun zieh dich aus. Du musst baden.“ „Baden?“, staunt Mogilia.

Sie zieht ihre Sachen aus und legt sie sorgfältig auf einen Haufen. Doch Elisa nimmt sie mit einer Hand und wirft sie in den Ofen. „Nein, ich habe keine anderen Sachen“, ruft Mogilia erschrocken aus. Aber Elisa beruhigt sie: „Du wirst sie nicht mehr brauchen. Die Oberin wird dir ein Kleid und eine Kutte geben. Und jetzt ab in die Wanne.“

Mogilia gleitet in das warme Wasser. Es fühlt sich an wie eine zärtliche Umarmung ihrer Mutter. Und es tut Mogilia tief im Inneren weh. Elisa reibt mit einem weichen Tuch Mogilias Gesicht sauber und sagt: „Du bist wirklich wunderschön. Du Arme.“ „Warum sagst du das, Elisa?“, will Mogilia wissen. „Ich habe schon zu viel gesagt. Wasch Dich jetzt“, antwortet Elisa knapp. Mogilia hat noch nie etwas so sehr genossen und fühlte dabei gleichzeitig so viel Schmerz. Der Schwamm erinnert sie an das weiche Moos im Wald. Mogilia sehnt sich schon jetzt so sehr zurück.

Elisa hebt Mogilia aus der Wanne und trocknet sie vorsichtig ab und fragt: „Wie alt bist du?“ „Zwölf“, antwortet Mogilia. Ein entsetzter, trauriger Schleier legt sich auf Elisas Gesicht. „Was ist hier los, Elisa?“, will Mogilia wissen. Aber Elisa sagt nur: „Komm. Die Oberin wartet auf uns.“ Mogilia protestiert: „Ich habe noch nichts an.“

„Deine Kleidung bekommst du von der Oberin. Aber sie will dich erst in deiner gottgegebenen Gestalt sehen“, sagt Elisa. Und so schiebt Elisa Mogilia völlig nackt durch die langen, kalten Gänge des Klosters bis zum Zimmer der Oberin. Dort meldet Elisa der Oberin: „Hier ist das Mädchen, Frau Oberin.“ Diese sieht verächtlich zu den beiden und sagt schroff zu Elisa: „Geh jetzt.“

„Komm her, Delila“, verlangt die Oberin. Mogilia dreht sich um, um zu schauen, wer Delila ist. Da schlägt die Oberin ihr hart ins Gesicht und herrscht sie an: „Schau mich an, wenn ich mit dir rede.“ „Ich heiße Mogilia“, sagt Mogilia trotzig. Noch einmal schlägt die Oberin zu: „Du wirst gehorchen. Sonst haben wir Mittel, dich gehorsam zu machen.“ Mogilia versteht: „Jawohl, Frau Oberin.“

„Lass mich dich ansehen. – Ja, wirklich wunderschön“, sagt die Oberin mit einem lüsternen Gesichtsausdruck. Mogilia graust es.

„Du wirst eine Braut Gottes. Hier erhältst du die entsprechende Vorbereitung. Wenn du bereit bist, rein und unberührt in Geist und Körper, wird die Trauung vollzogen“, erklärt die Oberin. Mogilia versteht kein Wort. Aber das wird sie schon herausfinden. Die Oberin zieht ihr ein weißes Kleid an und hängt ihr eine braune Kutte mit großer Kapuze um. Dann führt sie Mogilia in einen großen Schlafsaal, weist ihr eine Pritsche zu und erklärt weiter: „Hier wirst du schlafen. Tu, was alle tun, dann machst du nichts falsch. Wenn du etwas falsch machst, wirst du bestrafst. Komm jetzt in den Essraum. Die anderen sind alle dort.“ Bevor sie in den Essraum treten, warnt die Oberin noch einmal: „Gehorche, Delila. Delila!“

Fortsetzung folgt…

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

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6 Gedanken zu “Mogilia – Teil 2

  1. Oh je, dass es sich so weiter entwickeln könnte hatte ich befürchtet. Ich konnte beim lesen mit Delila fühlen und spürte ihre Angst.
    Wie wird es Delila ergehen?
    Da könnte jetzt so vieles kommen, so viele Richtungen und Lebensfäden die irgendwie vor ihr liegen.
    Bin ganz gespannt und hoffe den nächsten Teil nicht zu verpassen.

    Dankeschön für deine Erzählung. 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Miss Tüftelchen,
      ganz lieben Dank für Deine schönen Worte und dass Du schreibst, wie es Dir beim Lesen gegangen ist. Es ist zwar nicht schön, wenn sich jemand Sorgen macht, aber es ist ja doch einer der Punkte, die eine Geschichte auslösen soll.
      Ja, viele Lebenafäden sind möglich. Und alle werden schöne und weniger schöne Erlebnisse bringen.
      Danke fürs Lesen und Kommentieren. Hoffentlich kann die Geschichte halten, was sie ankündigt.
      Dir einen schönen Sonntag.
      Liebe Grüße Belana Hermine

      Gefällt 1 Person

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