Mogilia – Teil 3

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Im Kloster

An zwei langen Tischen sitzen Mädchen unterschiedlichen Alters, jede über eine Schüssel dampfender Suppe gebeugt. Auf den Tischen stehen Schalen voller Brot. Da erst merkt Mogilia, wie hungrig sie ist. Sie bemerkt aber auch die gedrückte, schweigende Stimmung. Die Oberin schubst Mogilia an einen freien Platz und schiebt ihr eine Suppenschüssel zu. Etwas verängstigt macht es Mogilia den anderen Mädchen gleich und beugt sich über die Schüssel. Vorn, am Kopfende des Raumes sitzt eine alte Frau und liest aus einem großen Buch in monotoner Stimme etwas vor.

In den nächsten Tagen ist Mogilia damit beschäftigt, sich an die Abläufe im Kloster zu gewöhnen. Es gelingt ihr nur sehr schwer. Sie ist es nicht gewohnt, so lange Zeit in geschlossenen Räumen zuzubringen. Sie macht viele Fehler. Die Oberin hat eine harte und schnelle Hand. Besonders schwer fällt es Mogilia, nicht ihren richtigen Namen zu verwenden, sondern den, den die Oberin ihr gegeben hat. Immer, wenn sie sich verspricht, muss Mogilia in den Kerker. Dort ist es kalt, feucht und dunkel. Mogilia kann sich aus all dem keinen Reim machen. Sie sitzt in dem Loch und versucht, das Schweben zu spüren und das Leuchten heraufzubeschwören. Dann spürt sie Liebe, Liebe für sich, Liebe für die anderen Mädchen, Liebe auch für die Oberin. Sie versucht, sich ihren Wald mit der Eiche und dem Stein vorzustellen. Manchmal ist ihr, als könne sie mit der Eiche reden. Das spendet ihr Trost und Ruhe.

Die Tage sind alle gleich strukturiert. Mogilia fällt es schwer festzustellen, wie lange sie schon im Kloster lebt.

Aber es wird Frühling. Die Türen zum Klostergarten stehen offen, so dass die Mädchen hinausgehen dürfen. Nach der langen, finsteren Zeit blendet die Sonne Mogilia in den Augen. Sie muss blinzeln und alles wird in einen goldenen Schein getaucht. Mogilia genießt das junge Grün und läuft ganz schnell zu einem Baum. Er ist ganz gerade gewachsen und hat symmetrisch angeordnete Äste. Mogilia versucht, Kontakt mit dem Baum aufzunehmen. Aber es gelingt ihr nicht. Auch zu den Pflanzen und Steinen kann sie keinen Kontakt aufnehmen. Das macht Mogilia sehr traurig.

Eines Tages kommt die Oberin nach dem Schreibunterricht, bringt Mogilia zu einer Frau und sagt zu ihr: „Sophia, schau, ob du mit Delila etwas anfangen kannst. Wenn nicht, bring sie mir zurück.“ Weg ist sie und Mogilia ist mit Sophia allein.

Sophia

„Komm zu mir, Mogilia“, spricht Sophia Mogilia an. Mogilia ist starr vor Schreck, mit ihrem richtigen Namen angesprochen zu werden. „Hab keine Angst. Sie können dich anreden, wie sie wollen, solange du nicht vergisst, wer du wirklich bist, Mogilia“, meint Sophia gütig. Mogilia rinnen Tränen übers Gesicht. Sophia nimmt sie ganz zärtlich in den Arm. Da bricht alles aus Mogilia heraus und sie schluchzt hemmungslos. „Ja, lass alles heraus. Dann geht es dir besser“, tröstet Sophia sie.

Als sie sich einigermaßen beruhigt hat, fragt Mogilia Sophia: „Wer bist du? Woher weißt du, wer ich bin?“ Sophia antwortet: „Ich bin Sophia und leite das Skriptorium. Möchtest du Bibeltexte abschreiben und illustrieren?“

„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, sagt Mogilia schüchtern. Aber Sophia beruhigt sie: „Das kannst du. Hier, setzt dich hin, nimm die Feder und fang an.“ Strich für Strich setzt Mogilia sorgfältig aufs Papier. Als der Text fertig ist, verziert sie das Blatt mit Bäumen, Tieren und Pflanzen. Fast fühlt sie sich wie in ihrem Wald. Sie bittet Sophia: „Danke, Sophia. Darf ich bleiben?“ Sophia ist einverstanden: „Ja, komm jeden Tag nach eurem Schreibunterricht.“

Das erste Mal, seit Mogilia in diesem Kloster ist, fühlt sie einen Anflug von Glück und Freude. Voller Vorfreude wartet sie auf das nächste Treffen mit Sophia. Sie hat das Gefühl, dass sie von dieser Frau eine Menge lernen kann.

„Sophia, wirst du meine Lehrerin sein?“, fragt Mogilia. „Nein, ich bin nicht deine Lehrerin. Du kannst mich alles fragen, was du willst. Aber wann und was du lernst, bestimmst allein du.“, antwortet Sophia. Und Mogilia hat tausende Fragen.

„Sophia, warum kann ich die Bäume und Pflanzen im Klostergarten nicht spüren?“, will Mogilia wissen. Sophia kennt viele Antworten: „Sie sind eingesperrt, angebunden, gezogen, gerichtet und gestreckt, so wie ihr Mädchen. Willst du mit ihnen Kontakt aufnehmen, musst du erst durch diese künstlichen Krusten dringen. Aber dann werden sie dir helfen können. Du kannst das.“

„Sophia, was ist eine Braut Gottes?“, fragt Mogilia weiter. „Du sollst eine werden“, erwidert Sophia. „Ich weiß, aber was muss ich tun? Was passiert, wenn ich nicht will?“ Sophia erklärt: „Als Braut Gottes sollst du nur und ausschließlich Gott lieben. Du darfst niemanden sonst lieben, schon gar nicht körperlich. Du darfst nur zu ausgewählten Personen, wie der Oberin, überhaupt Kontakt haben. Gott wird dich dafür mit Erleuchtung belohnen.“ Das versteht Mogilia nicht: „Aber Gott ist die reine Liebe. Wie kann man ausschließlich die reine Liebe lieben? Die Liebe ist doch dafür da, dass man sie mit allen teilt.“

„Das Eine ist, was es ist. Das Andere ist, was Menschen daraus machen“, ist Sophias Antwort darauf. „Ich möchte lieber meine Liebe mit allen teilen und leben“, empört sich Mogilia. Aber Sophia meint: „Es ist leider nicht an dir, das zu entscheiden. Lerne zu unterscheiden, was du annehmen musst und wogegen du dich wehren kannst. Arbeite an deiner inneren Stabilität. Aber ich glaube, das kannst du schon ganz gut. Trainiere es weiter. Lerne deinen Körper kennen. Lerne, wie er reagiert, und lerne, diese Reaktionen nicht nach außen zu zeigen.“

Mogilia hat Fragen über Fragen: „Sophia, was ist mit meinem Körper?“ Sophia beantwortet alles geduldig: „Du wirst eine Frau. Bald wird dein Körper bereit sein, die schönsten Geschenke Gottes anzunehmen: Kinder. Dir als Braut Gottes wird das aber nicht gegeben sein. Achte darauf, dass dein Körper auf verschiedenste Berührungen reagiert. Tu mir den Gefallen und trainiere das. Es ist äußerst wichtig. Die Oberin hasst und fürchtet Jugend und Schönheit. Und du hast beides.“ Mogilia gruselt es ein bisschen: „Sophia, ich verstehe das nicht.“ „Du wirst es schneller verstehen müssen, als Dir lieb ist. Tu bitte, was ich dir sage“, sagt Sophia eindringlich. Mogilia ist verwundert: „Warum darf ich denn keine Kinder bekommen?“ Und Sophia erklärt weiter: „Du sollst eine Braut Gottes sein. Und Gott schenkt dir nur ein Kind, wenn du einen Mann liebst.“ Mogilia ist ganz schlecht, so schwirrt ihr der Kopf. Sophia hört sich wirklich sehr besorgt und unheimlich an.

Mogilia gehen die Fragen nicht aus: „Sophia, im Klostergarten arbeitet David. Warum reagiert mein Körper auf ihn?“ „Mogilia, sei vorsichtig. Du bist fast eine Frau. Frauen- und Männerkörper sehnen sich nacheinander. Sie wollen sich in inniglicher Liebe vereinen und das Geschenk Gottes erhalten. Das ist der Verzicht, den du leisten musst, damit Gott dir Erleuchtung schenkt“, warnt Sophia. „Sophia – ich WILL das NICHT!“ „Mogilia, meine Liebe, das kannst nicht du bestimmen.“

Fortsetzung folgt…

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

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