Mogilia – Teil 4

Ich danke Sylvia ganz herzlich für die Unterstützung und die vielen hilfreichen Hinweise, um den Text stilistisch, aber auch schreibtechnisch zu verbessern. DANKE. Ich habe sehr viel dabei gelernt :-).

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Der Test der Oberin

Zwei lange Winter hat Mogilia nun schon hinter den Klostermauern verbracht. Da kommt die Oberin und sagt: „Delila, du bist jetzt eine Frau. du kommst ab sofort mit zum Test.“ „Was für ein Test?“, will Mogilia wissen. „Frag nicht so viel. Du wirst schon sehen“, antwortet die Oberin barsch.

Alle der älteren Mädchen stehen in einer Reihe. Mogilia muss sich dazustellen. Die Oberin greift dem ersten Mädchen unter das Kleid, schließt die Augen und konzentriert sich. „Okay!“ Dann quietscht das Mädchen plötzlich auf und die Oberin hat einen befriedigten Gesichtsausdruck. Und so geht das von Mädchen zu Mädchen. Ein Griff unter das Kleid, ein „Okay!“, Quietschen, Kichern, Kreischen, ein zufriedenes Gesicht der Oberin.

Die Oberin kommt immer näher. Jetzt ist sie bei dem Mädchen neben Mogilia. Das Gesicht der Oberin verzerrt sich zu einer Fratze. Sie schäumt vor Wut und schreit das Mädchen an: „Wo bist du gewesen? Welche Schande du über dich und deine Schwestern gebracht hast. Auspeitschen!“ Die Stimme der Oberin überschlägt sich und kreischt dröhnend in den Ohren. Ein kräftiger Mann schnappt das Mädchen und zerrt es nach draußen. Man hört noch ihre Schreie. Mogilia hat sie nie wieder gesehen.

Dann ist die Reihe an Mogilia. Der Griff unter das Kleid. Das „Okay!“ der Oberin. Dann reibt der Daumen der Oberin. Siedend heiß durchzuckt es Mogilia. Aber sie hatte sich Sophias Rat zu Herzen genommen und kontrolliert ihre Körperreaktionen. ‚Danke, Sophia!‘, betet Mogilia im Stillen. Die Oberin reibt und reibt. Ihr Gesicht erstarrt. Sie wird zornesrot und schreit: „Gehorche!“ Aber Mogilia lässt sich nichts anmerken. „Auspeitschen!“, befiehlt die Oberin. Diesmal schnappt sich der kräftige Mann Mogilia. „Warte, ich will mir das ansehen“, kreischt die Oberin hinter ihm her.

Wutsch. ‚Autsch! Schweben, bitte schweben‘, bittet Mogilia innerlich. „Kräftiger“, herrscht die Oberin den Auspeitscher an. „Sie soll um ihr Leben betteln.“ Wutsch. ‚Autsch! Bitte das Licht‘, fleht Mogilia still. „Los, mach schon“, fordert die Oberin ungeduldig. Wutsch. Das Licht umfängt Mogilia, danach nimmt eine erlösende Ohnmacht sie auf.

So geht das nun aller zwei Wochen. Mogilia weiß, dass nach dem dritten Hieb das Licht sie trösten und der Ohnmacht übergeben wird. Das Schlimmste ist eigentlich, dass danach das Kleid an den Striemen klebt und Mogilia es jedes Mal abreißen muss. Keines der Mädchen traut sich, ihr dabei zu helfen. Keines der Mädchen traut sich überhaupt noch, mit ihr zu sprechen oder sich in ihrer Nähe aufzuhalten.

Im Garten

Zwei Rückzugsorte sind Mogilia geblieben. Täglich muss Mogilia in Sophias Skriptorium viele Seiten Texte abschreiben. Das ist sehr anstrengend. Aber sie hat den Eindruck, dass Sophia ihr bewusst für sie passende Texte heraussucht. Manchmal darf Mogilia die Texte illustrieren. Das sind ganz besondere Höhepunkte. Hin und wieder bleibt etwas Zeit für ein wärmendes Gespräch mit Sophia. Aber auch ein kurzer Blick in ihre Augen reicht Mogilia, um wieder Kraft bis zum nächsten Schreibauftrag zu schöpfen.

Ein zweiter Zufluchtsort für Mogilia ist der Garten. Sie hat gelernt, mit den Bäumen, Pflanzen und Steinen Kontakt aufzunehmen. Und über diesen Kontakt fühlt sie sich auch mit den Seelen „ihres Waldes“ verbunden. Dabei kann sie richtig entspannen, ihre Kräfte ausprobieren und stärken. Alles ist in ein zartes goldenes Licht getaucht. Es ist anders als ihr inneres, eher silbern schimmerndes Licht. Mogilia wird herausfinden, was es ist.

Manchmal kommt David in den Garten. Er ist einer der Gärtner im Kloster. Er hat eine ganz spezielle Beziehung zu seinen Pflanzen, Blumen und Bäumen. Das spürt Mogilia sofort. Und – ja – er ist derjenige, der dem Licht den goldenen Glanz verleiht. Mogilia fühlt sich von diesem besonderen Licht angezogen. Wenn sie mit den Seelen des Gartens in Kontakt tritt, dann spürt sie, dass auch David mit den Seelen dieses Gartens in Verbindung steht. So erfahren sie vieles voneinander. Sie verbinden ihr Strahlen. Mogilia hat sich noch nie einem Menschen so nahe gefühlt. Sie fühlt sich voller Liebe, voll dieser Liebe für alle und alles. Nach einem solchen Treffen ruht Mogilia für die nächsten Tage wieder in ihrer Mitte.

Mogilia versucht, jede freie Minute im Garten zu verbringen. Auch wenn David nicht körperlich im Garten ist, so kann sie ihn trotzdem spüren, wenn sie sich mit den Bäumen verbindet. Und doch fehlt ein gewisser Teil, wenn er nicht anwesend ist. Mogilia beginnt, sich nach David zu sehnen, wenn sie ihn für ein paar Stunden nicht spüren kann.

Eines Nachmittags lehnt Mogilia an einem Baum und hält Zweisprache mit ihm. Da nähert sich David ganz vorsichtig und sacht und nimmt sie in seine kräftigen Arme. Sofort umschließt beide eine reine, leuchtende Hülle, eine Hülle aus Liebe und tiefer Zuneigung. Sie kommen sich näher und näher, näher, als man sich auf rein körperlicher Ebene kommen kann. Der Raum fällt in sich zusammen und es bleibt die Unendlichkeit. Die Zeit verkürzt sich auf Nicht-Zeit und es bleibt die Zeitlosigkeit. Grenzenlose Zeit, grenzenloser Raum, grenzenlose Liebe.

Wieder ein Test

Der nächste Test der Oberin steht an. Mogilia weiß genau, was sie erwartet. Aber sie sollte sich geirrt haben.

‚Die Oberin wird außer sich sein vor Wut. Oh, Sophia, bitte gib mir Kraft‘, das ist Mogilia klar.

Als die Oberin feststellt, dass Mogilia nicht mehr rein ist, fährt sie auf wie eine Furie. Sie schreit nach dem Peitscher und schleift Mogilia gleich selbst dorthin.

‚Kraft! Kraft! Bitte gib mir Kraft!‘ Mogilia gruselt es. So außer sich hat sie die Oberin noch nie gesehen.

Wutsch. ‚Autsch. Bitte schweben!‘ Wutsch. ‚Schweben, bitte schweben!‘ Mogilia schafft es nicht, sich abzukoppeln, zu schweben und in ihr Licht einzutauchen. Wutsch. ‚Ich möchte ins Licht!‘ Da durchzieht Mogilia die Erkenntnis: ‚Ich habe eine Seele empfangen.‘ Und auch die Oberin hat das verstanden. Sie reißt Mogilia hoch und stößt sie in den Kerker. „Verrotte hier, Delila! Du wirst die Sonne nie wiedersehen!“, sind die letzten Worte der Oberin, bevor sie die Kerkertür zuwirft.

Mogilia stößt hart mit dem Kopf auf. Dann umgibt sie schwarze Ohnmacht.

Fortsetzung folgt…

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

14 Gedanken zu “Mogilia – Teil 4

  1. Fassungslos starre ich auf deine Zeilen. Den Teil davor empfand ich schon sehr heftig, aber der Vierte Teil…
    Ehrlich, irgendwie fehlen mir die Worte… ich weiß auch nicht… die Menschlichen Abgründe sind so tief… entsetzlich…
    … oder ich zu sensibel.
    Der Text hat es finde ich sehr in sich und ich hoffe das es für Mogilia Auswege geben kann_wird…

    Das Leid, den Schmerz, den Menschen auszuhalten im Stande sind ist so unbeschreiblich, alltäglich, egal wo auf der Welt_wird mir bewusst…
    … und raubt mir die Luft zu atmen…

    Viele Gedanken (gute, schlechte, schwere, traurige, schmerzvolle, GlaubeAnHoffnung…) tragen deine Zeilen in sich, vielen Dank…

    Gefällt 2 Personen

    • Danke für deine Ergriffenheit und dass du sie hier so zum Ausdruck bringst. Ja, es ist schon ein Anliegen, darauf hinzuweisen, was es an Grausamkeit gab und gibt, aber vielleicht lieber nicht geben sollte.
      Ich glaube nicht, dass man zu sensibel sein kann. Es wäre traurig, wenn uns Leid und Schmerz unserer Mitmenschen nicht mehr anrühren würden. Solange es Mitgefühl gibt, habe ich Hoffnung.
      Liebe Grüße
      Belana Hermine

      Gefällt 2 Personen

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