Camino 2016 – 1. Fazit

Es stand ja noch die Antwort auf die Frage aus, was ich wohl auf dem Weg gelernt hätte. Dazu sind mir ein paar Dinge eingefallen, die ich in den nächsten Tagen in loser Folge mal aufschreiben werde.

Heute also das 1. Fazit: Jeder Weg ist anders, auch wenn es derselbe Weg ist.

Es war jetzt das 4. Mal, das ich um die 1000 km oder mehr am Stück unterwegs war. Manchmal hatte ich mir ein Ziel gesetzt, aber letztlich kam es doch immer anders. Eigentlich merkt man erst auf dem Weg, worum es eigentlich geht. Dabei geht es jedes Mal um etwas Anderes. So kann es dann zwar sein, dass man physisch denselben Weg geht, aber man wird ihn jedes Mal anders wahrnehmen – und zwar sowohl in ganz rein materieller Hinsicht wie eben auch in emotionaler Hinsicht.

Das Hauptstück des diesjährigen Weges war ich ja 2012 schon einmal gegangen. Seitdem hat sich die Infrastruktur deutlich verbessert. Es gibt mehr Herbergen, fast jede Herberge bietet ein Pilgermenü an, es gibt mehr Bars für eine Einkehr unterwegs… Die verbesserte Infrastruktur hat allerdings zur Folge, dass mehr und mehr touristische Wanderer unterwegs sind, die zum Teil andere Bedürfnisse als Pilger habe (anders! – weder besser noch schlechter). Darauf muss man vorbereitet sein und versuchen, durch die Auswahl einer geeigneten Herberge, seinen Bedürfnissen möglichst gut gerecht zu werden. Die Bäume am Wegesrand waren deutlich gewachsen. Da gerade in diesem Jahr besonders sonniges Wetter war, war das auch gut so. Interessanterweise sind in diesem Jahr meine Schuhe deutlich weniger abgelaufen als sonst. Ob wohl der Hersteller die Zusammensetzung der Sohle geändert hatte? Soweit ein paar der physischen Änderungen auf dem Weg.

Mental teilte sich der Weg diesmal für mich in drei Teile auf.

Der erste Teil am Fuße der Pyrenäen in Frankreich war geprägt von viel Einsamkeit (was nicht schlecht ist), anstrengender Orientierung, kräftezehrenden Strecken, viel, viel Regen und Blasen über Blasen an den Füßen. Gerade diese körperlichen Anstrengungen habe ich als mental sehr herausfordernd erlebt. Nicht selten hatte ich den Impuls, alles hinzuwerfen, habe mich dann aber am Abend doch gefreut, durchgehalten zu haben.

Der zweite Teil dann auf dem camino frances war anfangs durch relative Ruhe, ja, regelrechte Relaxtheit gekennzeichnet. Das hatte ich mir explizit vorgenommen, weil die Erfahrungen von 2012 eher Hektik und Stress ankündigten. Umso überraschter war ich, dass das so einfach machbar war. Hinsichtlich der „Lernerfahrungen“ war dieses Stück wohl das wichtigste Stück des Weges. Vielfach habe ich durch andere Pilgernde einen Spiegel vorgehalten bekommen. Konkret dazu in einem späteren Beitrag etwas mehr. Auf den bisherigen Wegen kamen die „Lernerfahrungen“ (gefühlt) eher von innen heraus und nicht – wie diesmal – von außen getriggert. Gegen Ende dieses zweiten Teils, als dann die vielen Pilger ihren 100km-Weg anfingen, hieß es dann, die auf dem bisherigen Weg gemachten Erfahrungen hinsichtlich Gelassenheit/Relaxtheit anzuwenden.

Der dritte Teil war dann die Runde Santiago-Finisterra-Muxia-Santiago. Das war eine Art „Auslaufen“, wobei aber schon erste Verarbeitungen der gemachten Erfahrungen anfingen. Auch das war interessant für mich, weil ich das bisher so auch noch nicht erlebt hatte. Da war „Pilgern bis zum Schluss“ angesagt und die Aufarbeitung blieb für zu Hause.

Summasummarum ging es für mich auf dem diesjährigen Weg also einerseits um Gelassenheit/Relaxtheit und andererseits um Selbsterkenntnis/Ablegen von Selbstzweifeln. Bei meinem ersten Weg (2011) stand das Ausbrechen aus dem Hamsterrad der Arbeit im Mittelpunkt. Der zweite Weg (2012) war geprägt durch die Annäherung an Andere, Kontakte eingehen und z. T. aufrecht erhalten. Auf dem dritten Weg (2014) ging es wohl um die Annäherung an mich selbst. Und nun auf dem vierten Weg (2016) das „vertiefte Kennenlernen“ meiner selbst?

Nun hoffe ich, dass ich ein paar Spuren davon auch in den Alltag hinüberretten kann.

Wir sehen und auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

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6 Gedanken zu “Camino 2016 – 1. Fazit

  1. Das klingt großartig – ich würde am liebsten auch loslaufen, nach deinem Bericht 😉 vielleicht mal in ein paar Jahren…
    Ich wünsche dir, dass du die erfahrene Gelassenheit und Selbsterkenntnis gut mitnehmen kannst in deinen Alltag!
    Du klingst in deinen Beiträgen für mich übrigens sehr reflektiert, reif und wunderbar wenig egozentrisch, wenn ich das so sagen darf 😊 ich lese sehr gerne bei dir!

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    • Ach, Du Liebe, ich danke Dir so sehr.
      Immer eins nach dem Anderen. Jetzt muss erst Euer kleines Schmuckstück groß werden, dann kannst Du Dich auch auf den Weg machen. Alles hat seine Zeit :-). Bid dahin nehme ich Dich immer wieder gern mit 🙂
      Lieben Dank auch für Dein großes Lob.
      Liebe Grüße
      Belana Hermine

      Gefällt 1 Person

  2. Jeder Weg ist anders auch wenn es der selbe Weg ist. Eine wunderbare Erkenntnis, sie lässt sich auf viele Dinge im Leben übertragen. Ich hab es auch schon erlebt und war erstaunt, wieso es nicht mehr so wie früher war…..

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