Als ich zehn war – Teil 3

Lutz Prauser hat zu einer Blogparade aufgerufen/eingeladen: „Als ich zehn war“. Diese Zeit ist echt schon eine Weile her, aber das Nachdenken darüber, wie es wohl damals gewesen ist, hat doch einige Erinnerungen wach gerufen. Deshalb möchte ich mich an der Blogparade beteiligen. Das Ganze werde ich über mehrere Samstage verteilen, sodass es nicht einmal ein riesengroßer Brocken ist. Heute also Teil 3 „Die Welt der Schule“.

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Ende der 1970er Jahre war das Schulsystem in der DDR noch deutlich anders als es das heute in Deutschland ist. Es gab die sogenannte Polytechnische Oberschule, die (fast) alle von der 1. bis zur 10. Klasse besuchten. Nur wer es wirklich nicht weiter schaffte und mindestens 16 Jahre alt war, verließ diese Schulform nach der 8. Klasse. Wer das Abitur machen wollte, ging nach Abschluss der 8. Klasse zur sogenannten Erweiterten Oberschule. Das Abitur machte man nach der 12. Klasse. Anfang der 1980er Jahre wechselten die angehenden Abiturienten aber erst nach Abschluss der 10. Klasse auf die Erweiterte Oberschule.

Es machten deutlich weniger Schüler das Abitur als heute. Aus jeder Klasse gingen vielleicht zwei oder drei Schüler zur Erweiterten Oberschule. Auswahlkriterium war neben den Schulnoten auch die soziale Herkunft. Man wollte die Zusammensetzung der Bevölkerung auch in der Zusammensetzung der Abiturienten wiedergespiegelt sehen. War man Arbeiterkind hatte man deutlich bessere Karten als wenn die Eltern studiert hatten. Ich habe auch von Fällen gehört, wo aus politischen Gründen der Weg zur Erweiterten Oberschule versperrt wurde. Einige Menschen, denen es so gegangen ist, habe ich später an der Volkshochschule getroffen, als wir dort gemeinsam das Abitur gemacht haben (vergleichbar mit dem heutigen Abendgymnasium). Aber das sind eigene Geschichten.

Es gab Sonder- oder Hilfsschulen (war tatsächlich ein offizieller Begriff, habe es extra nachgeschlagen) für lernschwache Kinder. Meist trugen Sie den Namen Makarenko oder Pestalozzi. Daneben gab es auch Sprachheilschulen für Kinder mit Sprachstörungen. Mit diesen Schulen hatten wir als Kinder nur wenig zu tun. Wir wussten von der Existenz der Sonderschulen, machten manchmal unsere Witze darüber. Wahrscheinlich so, wie das heutige Kinder auch tun (?). Ich hatte ein wenig mehr damit zu tun, da eine Cousine und ein Cousin auf einer Hilfsschule und ein Cousin auf einer Sprachheilschule waren.

Auch wenn die DDR ein kollektivistisches Land und man bestrebt war, alles möglichst einheitlich zu halten, gab es doch auch ein paar Ausnahmen. Sportlich Begabte konnten zu Kinder- und Jugendsportschulen gehen. Für mathematisch-naturwissenschaftlich (hoch) Begabte gab es ein oder zwei Erweiterte Spezialoberschulen. Aber auch wer sprachlich begabt war, hatte Chance auf Förderung.

Am Ende der 2. Klasse wurden in größeren Städten die zwei oder drei besten Kinder einer Klasse in einer neuen Klasse zusammengefasst. Diese lernten dann bereits ab der 3. Klasse Russisch als erste Fremdsprache. Wer das Ganze dann zu seinem Beruf als Lehrer machen wollte, konnte nach der 8. Klasse an eine der beiden Erweiteren Spezialoberschulen zur Vorbereitung auf das Russischlehrerstudium (was für ein gewaltiger Titel ;-)) gehen.

Soweit zum allgemeinen Umfeld der Schule, als ich 10 war. Wie ging es mir nun selbst?

Meine Schwester war 3 Schuljahre älter als ich. Schon seit dem Kindergarten wollte ich immer zusammen mit ihr an einer Einrichtung sein. Das hat nie geklappt. Als ich in die Schule kam, war sie bereits in einer dieser Russisch-Klassen. Als ich dann (nach einigen Kämpfen mit meiner Mutter, weil ich ja ein fauler Strick war) endlich auch in eine Russisch-Klasse kam, nahm eine andere Schule diese neuen Klassen auf. Nichtsdestoweniger bin ich immer gern in die Schule gegangen. Das Lernen fiel mir leicht. Ich war neugierig wie Schmitz‘ Ziege und konnte diesen Wissensdrang dort stillen.

In der Schule ging es aus meiner damaligen Sicht eher gerecht und vorhersehbar zu – eine wirkliche Erholung von dem, was zu Hause abging. Deshalb habe ich wohl eine große Menge von dem Druck, den andere Schüler erlebt haben, gar nicht wahrgenommen.

Bis zum Ende der 4. Klasse konnte man in eine Nachmittagsbetreuung (Hort) gehen. Dort wurden die Hausaufgaben gemacht und man konnte sich anderweitig beschäftigen, sobald man fertig war. Irgendwie gehörte es für meine Mutter aber zum guten Ton, dass wir diese Möglichkeit nicht wahrnehmen (müssen). Zweimal habe ich es aber doch geschafft, für ein paar Wochen in den Hort zu gehen. Ich fand das toll. Wenn man seine Hausaufgaben gut gemacht hatte, konnte man sich in das „Goldene Buch der Hausaufgaben“ eintragen. Cool. Naja, selbst wenn ich zu Hause alles wieder abschreiben musste, weil es unserer Mutter nicht gut genug war. Für mich war der Hort eine Weiterführung der entspannten Zeit der Schulstunden.

Alle Schulen boten verschiedene Arbeitsgemeinschaften (AGs) an. Es wurde darauf gedrängt, dass man mindestens an einer teilnimmt. Da ich aber schon in der Musikschule war, war das ein Äquivalent für die AG. Der Nachteil war allerdings, dass ich wenig Kontakt zu meinen Mitschülern hatte. Zwei- bis dreimal in der Woche war ich in der Musikschule. Ein Treffen mit Mitschülern war ohnehin nur möglich, wenn es im Vorfeld (mindestens am Tag vorher) mit unserer Mutter abgesprochen und von ihr genehmigt war – und dann auch erst, wenn die Hausaufgaben fertig waren. Da wir aber aus allen Ecken der Stadt zusammengewürfelt waren und wir in einer relativ schwierig erreichbaren Gegend wohnten (zumindest dauerte der Weg etwas), blieb eigentlich fast keine Zeit für ein Treffen.

In den Schulen waren natürlich die Pionierorganisation und auch die FDJ (Freie Deutsche Jugend) aktiv. In meiner Klasse waren alle Jungpioniere. In der 4. Klasse (also etwa mit 10) wurden wir Thälmann-Pioniere und durften dann ein rotes statt eines blauen Halstuchs tragen. Ja, ich sage durften, weil ich mich damals wirklich darauf gefreut hatte. Schließlich trugen die russischen Pioniere auch ein rotes Halstuch.

Jeder musste irgendeine Funktion übernehmen. Das konnte auf Klassenebene oder auch auf Schulebene sein. Da gab es deutlich mehr „Angebote“ als „nur“ den heutigen Klassensprecher. In der 4. Klasse sollte ich Freundschaftsratsvorsitzende werden. Das wäre vielleicht mit der Schulsprecherin für die jüngeren Schüler vergleichbar. Als das bekannt wurde, war meine Mutter aber sowas von schnell in der Schule. Das kam ihr ja nun gar nicht in die Tüte. Keine Ahnung, was sie denen so alles erzählt hatte. Jedenfalls musste ich dann den Kassierer spielen und das Geld für die wöchentliche Zeitung („Die Trommel“), die jeder lesen musste, einkassieren. Normalerweise durfte ich eigentlich gar nicht mit Geld unterwegs sein (vielleicht ein paar Groschen, aber mehr nicht). Das Taschengeld war also eher ein Schrankgeld ;-). Nun sollte ich aber jede Woche fast 3 DDR-Mark einsammeln und bis zur Abrechnung mit mir herumtragen. Ein Schüler machte sogar den Vorschlag, dass ich doch gleich alles für einen Monat oder ein Jahr einsammeln solle. Das lehnte ich (aus besagten Gründen) aber ab. Gab einen entsprechenden Eintrag im Zeugnis :-(.

Tja, und so gab es dann zwar diese beiden Welten (die Welt zu Hause und die Welt der Schule), aber so ganz zu trennen waren sie nicht voneinander. Dafür hatte ich dann meine eigene (innere) Welt ganz für mich. Darüber dann nächste Woche: „Meine innere Welt“.

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

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13 Gedanken zu “Als ich zehn war – Teil 3

  1. Ich glaube das in DDR die Zeitstrukturierung sehr gut organisiert war. Ich denke auch, dass es einige Menschen aus der ehemaligen DDR nach Wende schwer hatten sich im neuen System zurechtzufinden. Übrigens, dass mit Deiner Mutter ist schon ein wenig krass…. ich freue mich schon auf nächsten Samstag.

    Gefällt 1 Person

    • Ich danke Dir herzlichen für Deine Überlegungen in Deinem Kommentar.
      Keine Ahnung, ob es die Zeitstruktur war. Definitiv wurde den Leuten viel abgenommen – das kann man jetzt positiv sehen als Unterstützung, aber auch negativ als Bevormundung. Aber wenn man daran gewöhnt ist, kann es schwierig werden, ganz plötzlich ohne das auszukommen.
      Meine Mutter – naja, muss ja Gründe haben, warum ich mich in jedes vorbeihuschende schwarze Loch stürze ;-). Da gibt es sicherlich viele Zusammenhänge. Gut, sie zu kennen. Inzwischen kann ich aber auch denken, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten gehandelt hat, und ihr in gewissem Umfang auch verzeihen. Das macht es nicht unbedingt leichter, damit umzugehen, aber es nimmt etwas die Bitterkeit. Letztlich sind wir selbst verantwortlich, wie wir jetzt (in unserem Alter) mit unserer Vergangenheit umgehen. DAS kann ich ihr nicht mehr anlasten.
      Viele Grüße
      Belana Hermine

      Gefällt 1 Person

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