7 Tage Sterben

7 Tage Sterben

Gemeinsam haben wir die Stadt erkundet. Du hast mir deine Lieblingsplätze gezeigt: ein offener Platz, auf dem immer Leben ist, und eine einsame Kapelle. Morgen wirst du nach Hause fahren, ich kann noch eine Woche bleiben.

Heute schauen wir uns die Kirchen an. Hier gibt es so viele. Sie empfangen uns finster, erdrückend. An den Wänden hängen Bilder von Leiden, Krankheit und Tod. Die Atmosphäre ist dunkel und schwer. Nein, hier wird nicht das Leben gefeiert. Hier lebt der Tod.

Ein letztes gemeinsames Abendessen, dann müssen wir uns verabschieden.

„Sehen wir uns morgen zum Frühstück? 7:00?“, frage ich.

„Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“, versprichst du. Meine Gedanken setzen automatisch dazu: ‚Wie in dieser Kirche des Todes?‘ Daran, dass meine unbewussten Gedanke manchmal prophetischen Charakter haben, denke ich in diesem Moment nicht.

„Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Mein Handy weckt mich. In der Überzeugung, dich gleich noch einmal zu sehen, gehe ich zum Frühstück. Ich finde dich nicht. Dein Zimmer ist leer. Wo bist du? Ich suche an deinen Lieblingsplätzen. Nichts, du bist weg. Etwas in mir zerbricht. Vor lauter Tränen kann ich nichts mehr sehen, kann nicht mehr atmen, kann nicht mehr stehen, kann nicht mehr denken. Ich sterbe.

Warum? Warum nur? Warum tust du das?

In dieser Stadt kann ich nicht bleiben. Ich bin wie von Sinnen. Muss hier weg. Ich raffe meine Sachen zusammen und laufe los. Nein, ich laufe nicht. Ich stampfe, ich trample, ich trete brutal auf die Erde ein. Sie soll mir meine Enttäuschung, meine Verletztheit, meinen Schmerz abnehmen. Sie tut es nicht. Dafür tun mir die Füße weh und die Beine und der Rücken. Einfach alles. Der körperliche Schmerz zieht sich wie ein Narkotikum über die Schmerzen der Seele.

Ich sterbe – 7 lange Tage.

Dann muss ich zurück. Ich hasse diese Stadt. Nie wieder möchte ich einen Fuß dorthin setzen. Mutter Erde wollte meine Verletztheit und meinen Schmerz nicht aufnehmen. Nun ballen sie sich zusammen zu einer riesigen Hasskugel, die ich auf die Stadt schieße. Es gibt nichts Anderes, niemand Anderen, auf den ich sie sonst zielen könnte. Es gibt nicht einmal mehr mich. Da sind nur noch Wut und Hass und unaufhörliche Tränen.

Tränen, Tränen, Tränen. Ihr Strom schwemmt mich zum Flughafen, spült mich in den Flieger, schüttet mich zu Hause aus. Nichts ist mehr, wie es war. Das ist gut so. Ich muss zurück ins Leben. Ich weiß nur noch nicht wie.

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8 Gedanken zu “7 Tage Sterben

    • Naja, Abschiede gehören meist nicht zu unseren Sonnenstunden, und keine Ahnung, ob man je wirklich lernt, damit umzugehen. Trotzdem beinhaltet jeder Abschied viel Lernpotenzial und viel Raum für Neues.
      Dir auch einen schönen Sonntag
      Liebe Grüße
      Belana Hermine

      Gefällt 1 Person

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