Nachdenken über den Tod #3

Meine bisherigen Konfrontationen mit dem Tod

Letzten Sonntag gab es ja etliche Diskussionen darum, was der Tod nun eigentlich ist. Vielleicht kann man als „vorläufige Arbeitsdefinition“ festhalten, dass es u. a. darum geht, dass der körperliche Teil eines Menschen stirbt, also nicht mehr lebt und damit sein materielles Ende erlebt.

Diesen Übergang vom lebenden materiellen Körper zum toten erleben verschiedene Menschen bei Anderen unterschiedlich und lernen daraus unterschiedliche Dinge. Das hängt sicher auch vom Alter der jeweiligen Person ab, die dieses Erleben hat. Da ich in ganz unterschiedlichen Lebensphasen wichtige Menschen verloren habe und mich dies auf jeweils eigene Art geprägt hat, möchte ich heute einige Eckpunkte von 3 der wichtigsten dieser Ereignisse vorstellen.

Mein Opi

Als ich 4 war, gingen meine Omi, mein Opi und ich mit dem Schlitten zum Einkaufen. Unterwegs brach mein Opi zusammen und saß nun auf dem festgetretenen Schnee auf dem Fußweg. Natürlich habe ich nicht viel verstanden. Laut der Erzählungen habe ich wohl immer wieder gesagt: „Opi, steh auf. Opi, steh doch auf.“ Wahrscheinlich kann ich mich wegen der wiederholten Erzählungen recht genau daran erinnern.

Das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich bei den Nachbarn meiner Omi bin. Sicherlich sollte sie den Rücken freigehalten bekommen. Naja, was kann man mit einer 4-Jährigen schon anfangen? Die Nachbarn mussten mich natürlich irgendwie beschäftigen. Sie wollten mir beweisen, dass Eier, je länger man sie kocht, umso weicher werden, nachdem sie zwischendurch mal hart waren. Und so kochten wir Eier und kochten und kochten. Am Ende bekam ich ein weiches Ei präsentiert. Aber geglaubt habe ich es nicht. Ich wusste einfach, dass Eier nicht wieder weich werden.

Tja, und dann tauchte mein Opi nie wieder auf. Zurück blieb durchaus gespürt ein Verlust, obwohl ich mit dem Konzept „Tod“ nichts anfangen konnte. Und es blieb ein Gefühl, veralbert worden zu sein. Ist der Tod eine Veralberung?

Meine Mutter

Als ich 11 war, kam meine Mutter bei einem Busunfall in der damaligen Sowjetunion ums Leben. Sie war dort mit meinem Vater und meiner Schwester zur Jugendweihereise für meine Schwester. Ich blieb zu Hause und meine Omi passte auf mich auf.

Irgendwann war meine Omi unüblich häufig am Telefonieren. Ich spürte eine irgendwie ungut geladene Atmosphäre. Dann ertappte ich meine Omi dabei, wie sie mir Beruhigungsmittel meiner Mutter in die Milch mischen wollte. Sie lösten sich halt nicht auf, weswegen es auffiel.

Irgendwann kamen zwei oder drei fremde Leute. Auch unsere Nachbarin kam rüber. Wir saßen alle im Wohnzimmer. Einer der fremden Menschen erzählte, dass meine Mutter tot wäre. Natürlich wusste ich zu der Zeit schon, was tot-Sein bedeutet, aber so als abstrakten Satz konnte ich das nicht begreifen. Da kann ja jeder kommen und etwas erzählen. Da ich aber wusste, dass man weint, wenn jemand gestorben ist, heulte ich also sicherheitshalber mal los.

Unsere Nachbarin fragte mich, ob wir uns eine Spritze geben lassen wollten, damit wir schlafen können. Oft wird ja Tod so erklärt, dass man da schlafen würde. Aber wieso sollte ich mich jetzt umbringen lassen, weil meine Mutter tot war? Ich war vollkommen verwirrt. Als Alternative bot unsere Nachbarin den Wald an. Eine wirklich gute Idee.

Tja, und auch hier blieb dieses Gefühl, dass mit dem Tod Vertuschendes, Verwirrendes, ja sogar Gefährliches zusammenhängt. Und wenn ein Mensch einfach nicht wiederkommt, so ohne Abschied geht, dann hat es auch etwas sehr Irreales. Noch viele Jahre danach hatte ich immer mal wieder das Gefühl, meine Mutter auf der Straße gehen zu sehen.

Mein Vater

Als mein Vater sehr krank und abzusehen war, dass er bald sterben würde, hatte ich schon eine Weile an der spirituellen Ausbildung teilgenommen und konnte/wollte einiges davon anwenden.

Er war in der letzten Zeit seines Lebens nicht mehr wirklich richtig ansprechbar. Wahrscheinlich nahm er wahr, dass jemand mit ihm redete, aber er reagierte nicht mehr bezugnehmend darauf. Gespräche waren also eigentlich gar nicht mehr möglich.

Bei meinem letzten Besuch bei ihm, wollte ich ihm eigentlich irgendwie vermitteln, dass es okay für uns alle wäre, wenn er sterben würde, dass er sich keine Sorgen machen muss, weil wir ja alle erwachsen und versorgt sind. Aber wie? Wie auch immer ich darauf gekommen bin, jedenfalls habe ich ihm ganz lange und intensiv in die Augen geschaut. Er scheint gespürt zu haben, dass hier etwas Besonderes passiert, denn normalerweise konnte er sich nicht mehr lange auf eine Sache konzentrieren. Hier schon. Wir schauten uns recht lange in die Augen. bis gefühlt irgendetwas „einrastete“. Es war eine Verbindung ganz besonderer Art entstanden. Es brauchte keine Worte mehr, um zu übermitteln, was ich sagen wollte, und um zu spüren, dass es angekommen war.

Wenige Zeit später starb mein Vater. Wir waren gerade in Frankreich. Für ca. 15 Minuten war meine Uhr stehen geblieben. Etwa eine halbe Stunde später bekam ich eine SMS. Ich musste gar nicht drauf schauen, um zu wissen, was drin stand.

Es war der 14.7. – Nationalfeiertag in Frankreich. In den meisten größeren Orten gibt es ein Feuerwerk – auch dort, wo wir gerade waren. Zuerst fand ich es ein bisschen makaber, dass ich mir an diesem Tag ein Feuerwerk anschaute. Aber dann, als die vielen kleinen Lichtpünktchen vom Himmel regneten, hatte ich das Gefühl, dass er nun nach Hause gegangen, dass er angekommen, dass er in Ruhe war. So hatte ich noch nie Abschied von jemandem genommen – und es war gut so.

Ja, auch dies irgendwie irreal, aber nicht verwirrend oder unangenehm, sondern eher klärend, behutsam, getragen. Ich verspüre eine gewisse Art der Aussöhnung mit dem Tod.

Teil 2
Teil 1

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

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18 Gedanken zu “Nachdenken über den Tod #3

  1. Beim Tod meines Großvaters empfand ich Erleichterung, jawohl!, denn dieser Mensch hatte mir einmal sehr, sehr weh getan, und das konnte ich ihm bis ans Ende seiner Tage nicht vergeben… Als meine Oma starb, war ich voller Trauer, denn ich hatte sie als liebenswürdig, liebevoll, gutmütig und humorvoll kennen lernen dürfen. Entsetzt war ich, als das Leben meines Lieblingsonkels, einem ganz wunderbaren Seelenverwandten, der in mir vor vielen, vielen Jahren die Liebe zum Fliegen wach gerufen hatte, durch einen Hinterwand-Herzinfarkt ein ganz plötzliches Ende gefunden hatte. Er war nur 42 Jahre alt geworden… Als mein Vater in seinem 77. Lebensjahr nach einem sehr langen Siechtum endlich von dieser Welt gehen durfte – ganz leicht und ruhig im Schlaf – empfand ich eigentlich mehr Frieden als Trauer. Wir hatten nur zwei Tage zuvor noch ein sehr schönes und liebevolles Telefongespräch geführt… Als Mitte Januar die Tochter einer Kusine im Alter von nur 18 Jahren bei einem Verkehrsunfall getötet wurde, war ich lange Zeit sehr erschüttert – wie kann das sein, dass ein so junger Mensch, der ja noch gar nicht richtig zu leben angefangen hatte, einfach binnen Sekunden mit unendlich brutaler Gewalt aus dem Hiersein gerissen wird? Warum? Was steckt dahinter? Wieso musste sie so früh gehen? Warum ist den Menschen, die sie so sehr liebten, ein so unglaublicher Schmerz zugefügt worden? Gibt es einen Sinn dahinter? Oder ist das einfach nur „dumm gelaufen“?…
    Ich denke, es ist diese Unberechenbarkeit, diese unendlich vielen Gesichter des Todes, dass Viele damit nicht umgehen können, sogar versuchen, die Sterblichkeit und ihre Unberechenbarkeit quasi unter den Teppich zu kehren. Weg zu beschönigen. Tot zu schweigen. Sterben und Tod machen Menschen hilflos, schwach, klein, hebt die eigene Unfähigkeit deutlich hervor… Und wir haben als „zivilisierte“ Wesen wohl auch verlernt, dass es lange Zeiten gab, in denen der Tod ein Bestandteil des Lebens war, dass man seiner immer gewahr sein musste. Man ist natürlich damit umgegangen. Die immerwährende Gegenwärtigkeit des Todes ist in unserer Gesellschaft ein „Störfaktor“ geworden…

    Gefällt 2 Personen

    • Da hast Du ja viele verschiedene Arten des Abschieds erleben müssen. Ja, wahrscheinlich ist es die Ungewissheit. Aber deswegen denke ich, dass man sozusagen seinen Frieden mit dem Tod machen, in wieder als normalen Bestandteil des Lebens sehen muss. Dann ist er vielleicht allgegenwärtig und nicht mehr so unberechenbar.
      Herzliche Grüße
      Belana Hermine

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