Nachdenken über den Tod #5

Letzte Woche ging es darum, wie man mit dem eigenen Tod umgeht, bzw. wie man seinen eigenen Tod sieht. Heute geht es um die andere Blickrichtung: Wie sehe ich den Tod Anderer bzw. was passiert mit mir, wenn Andere sterben? Auch hier gibt es wieder eine Reihe Teilfragen.

Trifft der Tod die Angehörigen überraschend? Was passiert mit denen, die zurückbleiben?

Vermutlich wird in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle der Tod die Angehörigen überraschen. Aber nicht, weil er sich nicht beispielsweise durch Krankheit oder Schwäche angekündigt hätte, sondern vielmehr deswegen, weil wir einfach nicht wahrhaben wollen, dass jemand, der uns nahe steht stirbt.

Mein Vater war die letzten Tage in einer Klinik. Es ging ihm zusehends schlechter und die Ärzte signalisierten auch, dass das wohl so bis zum Ende gehen würde. Und doch war seine Lebensgefährtin bis zu seinem letzten Atemzug der Überzeugung (der Hoffnung?) ihn wieder mit nach Hause nehmen zu können.

Natürlich sterben manche Menschen auch ohne für uns erkennbare Anzeichen. Dann sind wir natürlich überrascht. Wir haben das Gefühl, dass wir uns nicht verabschieden konnten, und fühlen uns um diesen Abschied betrogen. Und wir fühlen uns um die gemeinsame Zeit betrogen, die wir meinten, noch zu haben.

Wenn aber Angehörigen schwer krank sind, Schmerzen haben, aus unserer Sicht unendlich leiden, dann mischt sich unter unsere Trauer auch eine gewisse Art der Erleichterung. Dann sind wir auch nicht überrascht, weil wir eigentlich Tag für Tag damit gerechnet haben. Und wir werden unseren Frieden mit diesem Menschen gemacht haben.

Was aber möglicherweise an jedem Tod eines Angehörigen oder Freundes am überraschendsten ist, ist wohl, dass wir plötzlich wieder an unsere eigene Sterblichkeit erinnert werden.

Trauern oder nicht trauern?

Trauern scheint eine soziale Konvention und kulturabhängig zu sein. In unserer Kultur wird erwartet, dass sich Menschen schwarz kleiden, dass sie ein Trauerjahr einhalten etc. Tun sie das nicht, sind Außenstehende irritiert oder werfen den Hinterbliebenen ungenügende Liebe zum Verstorbenen vor.

Trauer und zu trauern hat aber auch ganz menschliche, psychologische Hintergründe. So gibt es Untersuchungen, da sagen, dass es etwa ein Jahr dauert, bis man sich wirklich innerlich von einem engen Menschen verabschiedet hat und wieder frei für neue enge Beziehungen ist.

Hin und wieder fragt ja jemand, wieso man trauern würde, wo doch der Verstorbene nun im Himmel oder einem ähnlichen Nachlebenszustand ist. Ich glaube, man trauert nicht, weil man denkt, dass es dem Anderen nach dem Tod schlecht geht. Meiner Meinung nach trauern wir eher um uns selbst, dass wir etwas verloren haben, was wir gern wieder hätten. Zwar reden wir davon, dass wir um den Toten trauern, aber vielleicht sollte es eher heißen, dass wir wegen des Toten um uns selbst trauern.

Wie kann ich mich auf den Tod Anderer vorbereiten?

Diese Frage impliziert ja eigentlich schon, dass ich denke, dass man sich auf den Tod Anderer vorbereiten kann – zumindest in bestimmten Grenzen. Ein ganz wichtiger Punkt dabei wäre für mich, sich mit den Menschen, die einem lieb und wichtig sind, zu versöhnen. Selbst wenn man sich sehr mag, begeht man Fehler. Dafür kann man um Verzeihung bitten und man kann dem Anderen verzeihen.

Wenn ein Mensch „im Streben liegt“, kann man versuchen, sich bewusst von ihm zu verabschieden. Manchen Menschen fällt es schwer loszulassen und zu gehen, weil sie denken, sie müssten sich noch um die Hinterbleibenden kümmern. Das könnten die erwachsenen Kinder ansprechen und erklären, dass sie sich ausreichend selbst um sich und ihre Kinder kümmern können. Sie können dem Sterbenden vermitteln, dass es okay ist, wenn er geht.

Und nicht zuletzt ist aus meiner Sicht, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod wohl auch eine gute Vorbereitung darauf, dass ein naher Angehöriger stirbt.

Teil 4

Teil 3

Teil 2

Teil 1

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

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12 Gedanken zu “Nachdenken über den Tod #5

  1. Meine GEDANKEN über den Tod
    nach 6 Jahren eines familiären Ereignisses:
    ___
    Ende einer Despotie
    Wo und warum auch immer ein DESPOT
    seinen EINFLUß beendet, sind
    plötzliche ZERSTRITTENHEIT
    von VOLKSGRUPPEN oder gar FAMILIEN
    die unabdingbaren FOLGEN –
    eine Jahrtausend alte Wiederholung
    der GESCHICHTE …
    ___
    © PachT 2015

    Gefällt 1 Person

  2. Vielen lieben Dank für diese Reihe. Sie spricht mich, da ich nun schon Großeltern, Eltern und vor einem Jahr einen wichtigen Freund verloren habe an den Tod. Das ist nachwievor eine sehr seltsame Erfahrung und auch eine, die ich nicht verstehe vor dem Hintergrund, dass man sich schon fragt, wozu hat man so ein kurzes Leben, wenn es danach ewig ruht. Für mich war die Lebens-Sinnfrage immer stark über die Todesfrage mitdefiniert, nun komme ich im Gegensatz zu Dir aus einer sehr frommen Ecke. Die haben mir den Tod als eine paradiesische Veranstaltung für die Gläubigen und als Höllenritt für die Ungläubigen dargestellt – ich hoffe ja immer inständig, dass beides nicht stimmt: Was wäre denn das Engelsglück – wahrscheinlich nicht spürbar, da für die Engel die Schwierigkeiten und das Groteske auch nicht mehr erlebbar sind – und was wäre der Höllenritt?, ein ewiges Sterben? Grausame Bilder verfolgten mich da über viele Jahre. Jetzt wo meine Eltern nicht mehr sind, weiß ich nur. Sie sind physisch, seelisch, persönlich von uns gegangen, aber in meinem Kopf treten sie immer wieder auf und haben diesen oder jenen Gedanken für mich … mit anderen Worten: der Tod ist den Lebenden ein Rätsel, den Toten ein Zustand. Das beste Buch, was ich zum Thema jemals in der Hand gehalten habe: Elias Canetti Über den Tod: Da steckt so viel gute Sprache zu seinem großen Feind, dem Tod – ein Geschenk! (Wenn Du willst: http://www.zeit.de/2014/26/elias-canetti-buch-gegen-den-tod) / und natürlich in der Vorosternzeit: Unbedingt und immer wieder gern: Die Matthäus Passion von Joh. Seb. Bach. Insbesondere der Schlusschoral „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ Da empfehle ich immer die Aufführung von Ton Koopman, die mir am „unkitschigsten“ vorkommt https://www.youtube.com/watch?v=jygOAnPMWOE /nochmal vielen lieben Dank zu Deinen ausführlichen Worten zu diesem so unerschöpflichen Thema.

    Gefällt 3 Personen

    • Herzlichen Dank für Deinen langen Kommentar, die vielen Erläuterungen und den Einblick in Deine eigenen Erkenntnisse. Ob es von Vor- oder Nachteil ist, ein Bild vorgeprägt zu bekommen, das weiß ich noch nicht. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte einen Ausgangspunkt gehabt. Manchmal finde ich es mühsam und anstrengend. Dann wieder finde ich es gut, weil es eben nicht schon eine vorgegebene Richtung gab. Letztlich muss wohl jeder einen bestimmten Weg gehen, um für sich eine annehmbare Vorstellung zu finden.
      Danke auch für die Links – interessant und aufschlussreich.
      Viele Grüße
      Belana Hermine

      Gefällt 3 Personen

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