Schreiben, schreiben, schreiben – Aufgabe 6

Die Aufgabe

Es sollte ein lebendiger Dialog geschrieben werden. Das war die einzige Anforderung, keine besonderes Thema, kein besonderes Genre. Es sollte interessant sein und Anfang, Mittelteil und Ende haben.

Was fiel mir schwer?

Gerade diese „Beliebigkeit“ in der Themenwahl machte es mir ein bisschen schwer, einen Inhalt für den Dialog zu finden. Es musste ja auch etwas sein, worüber sich Leute 3 Standardseiten lang unterhalten können. Inzwischen hatte ich ja auch gelernt, dass selbst in diesen kurzen Stückchen die Personen so vorgestellt werden müssen, dass sich die Leser ein Bild von ihnen machen können. Schwierig fand ich auch, in einem Dialog einen Spannungsbogen auszudrücken. Aber als mir dann etwas eingefallen war, was sich eignen könnte, ging es eigentlich recht flüssig.

Was habe ich gelernt?

Meine wichtigste Erkenntnis war wohl, dass man die Hinweise, die man in den Unterlagen findet, nicht zu extrem umsetzen darf. Vielleicht muss ich ein bisschen aufpassen, mich nicht zu sehr von diesen Hinweisen leiten zu lassen, sondern immer noch mein Gefühl und die Intuition ein gutes Wort mitsprechen zu lassen.

Da gab es beispielsweise den Hinweis, dass man keine Sprecherverben (sagte, fragte er/sie/es) braucht, wenn klar ist, wer gerade redet. Also habe ich sie immer genau dann weggelassen. Das führt wohl aber eher dazu, dass man ein Drehbuch schreibt. Hier muss ich also zu einer guten Balance finden. (Mir fällt gerade auf, dass „Balance“ immer wieder ein Thema bei mir ist ;-).)

Das Ergebnis

So, und hier nun der Text nach Einarbeitung der Korrekturen. Die Betreuerin war wohl damit grundsätzlich zufrieden, aber es ist wohl eher ein Drehbuch als ein Dialog für einen guten Roman geworden. Über ein paar Hinweise von Euch würde ich mich wieder sehr freuen.

Ohne Titel (den hatte ich völlig unbemerkt vergessen :-(, was tatsächlich auch kritisiert wurde)

Birgits Handy klingelt. Es ist ihr Sohn Konrad, der vor einer Weile ausgezogen ist. Auch wenn sie sich hin und wieder sehen, freut sich Birgit jedes Mal, wenn er anruft.

„Hi, Großer! Was gibt’s? Geht’s dir gut?“

„Hi, Mama! Ja, im Grunde schon“, quetscht Konrad heraus.

„Sag, was ist los?“

„Hier hat sich gerade einer vor den Zug geworfen.“

„Oh, Gott. Willst du vorbeikommen und reden?“

„Die Polizei will mich erst verhören.“

„Wie, die Polizei will dich verhören? Du hast ihn doch nicht geschubst.“

„Nee, natürlich nicht. Er stand neben mir, guckt mir tief in die Augen und rennt los. Weg war er. Kein Blut. Jedenfalls nicht so viel, wie ich erwartet hätte. Der Kopf war nicht mehr da. Aber dieser Blick. Diesen Blick werde ich nie vergessen.“

„Die Polizei will bestimmt nur wissen, wie es abgelaufen ist. Ist bestimmt eine Routinebefragung. Kommst du danach vorbei? Du solltest heute nicht allein zu Hause sein.“

„Ja, gern. Monika kommt heute fürs Wochenende, aber erst später.“

„Ist gut. Sag‘ denen, was du weißt, und dann komm‘ einfach. Ich warte auf dich.“

Birgit macht sich Sorgen um Konrad. Sie weiß selbst nur zu gut, wie es sich anfühlt, kurz vor dem Sprung vor einen Zug zu stehen. Schon immer hatte sie Angst, dass Konrad auch solche Neigungen hätte, und nun musste er so etwas mit ansehen.

Eine knappe Stunde später steht Konrad vor der Wohnungstür. Birgit nimmt ihn liebevoll in den Arm und hält ihn für eine ganze Weile fest. Sie will ihn nicht verlieren – schon gar nicht auf eine so grausige Art und Weise.

„Komm‘ rein! Willst du einen Kaffee?“

„Gern.“

„Setz dich schon mal. Was wollte denn die Polizei?“

Konrad setzt sich in den Sessel, wartet auf den Kaffee und legt los: „Ach, ich sollte halt erzählen, was passiert ist. Ich glaub‘ nicht, dass sie denken, dass ich ihn geschubst habe.“

„Haben sie dir eine Adresse eines Psychologen für den Notfall gegeben?“

„Nee, wieso?“

„Ich dachte, das würde zur Notfallversorgung gehören. Komisch, da wirst du befragt, aber sonst kümmert sich keiner um dich.“

„Wird schon gehen.“

Konrad springt vom Sessel auf. „Wie kann man sowas machen? Denkt der gar nicht an die Anderen? Denkt der nicht an den Lokfahrer? Und an die Passagiere? Sowas Rücksichtloses.“ Seine Hände scheinen Baumstämme zerhacken zu wollen.

„Hey, beruhige dich. Wenn sich jemand umbringen will, dann sieht er keine Hoffnung mehr, dann ist alles um ihn herum egal. Er kann gar nicht mehr über Andere nachdenken. Er will nur noch seine Ruhe und seinen Frieden.“

„Das ist doch Quatsch. Es gibt immer einen Ausweg. Man kann doch nicht einfach sein Leben wegwerfen. Morgen gibt es vielleicht die Lösung.“ Konrad versteht die Argumentation seiner Mutter nicht.

„Es gibt kein Morgen für ihn. Alles ist so unerträglich, dass ein Ende jetzt die einzig mögliche Option ist. Jeder Tag länger ist mehr Qual als tot zu sein“, versucht Birgit es noch einmal.

„Nein, nein, nein. Es gibt immer einen Weg. Das Leben ist schön. Das Leben ist toll. Davon kann man nicht einen Tag abgeben.“ Konrad plumpst in den Sessel und schlägt resigniert die Hände über dem Kopf zusammen.

„Hey, das ist toll, dass du dein Leben schön findest. Und du sollst jeden Tag mit Freude leben. Was kann ich mir Besseres für dich wünschen.“

„Du, Mama, ich muss los. Ich will zu Hause sein, wenn Monika kommt.“

„Klar. Geht’s oder soll ich mitkommen?“

„Hey, alles ist gut. Mach‘ dir keine Sorgen.“

„Sagst du Bescheid, wenn du ankommst?“

„Klar, mach‘ ich doch immer.“ Konrad muss lächeln. Er ist doch kein kleines Kind mehr.

„Mach’s gut, Großer. Und grüße Monika lieb von mir.“

„Ja, mach‘ ich.“

Birgit nimmt ihren Sohn noch einmal fest in den Arm, dann lässt sie ihn ziehen. Sie macht sich zwar immer noch Sorgen, wie Konrad dieses Erlebnis wohl verarbeiten können wird, aber sie ist auch erleichtert, dass er das Leben so schön findet, sodass er kein Verständnis für Selbstmörder aufbringen kann.

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

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8 Gedanken zu “Schreiben, schreiben, schreiben – Aufgabe 6

    • Nur zu, nur zu. Es braucht dazu doch gar nicht so viel Mut/Zutrauen. Man muss seine Zeilen ja nicht gleich überall herumzeigen. Ich habe lange Zeit nur so vor mich hin geschrieben. Ab Mitte 2014 gab es dann diesen Blog. Und erst jetzt versuche ich, das Ganze ein wenig „öffentlicher“ (?) zu machen. Aber den Spaß an der Sache gab es schon die ganze Zeit. Und das ist doch das Wichtigste. Für mich auch immer wieder hilfreich: schreiben kann ich überall und in den allerkürzesten Zeitlücken 🙂

      Gefällt mir

  1. Schöner, prägnanter Text, der glücklicherweise nicht ins Kitschige abrutscht.
    Mir gefällt das Mutter-Sohn-Zusammenspiel, dass ich – als Sohn – sehr gut nachfühlen kann. Vor allem die mütterliche Übervorsorge kommt sehr plastisch rüber (auch in kleinen Momenten, in denen bspw. die Mutter stets diejenige ist, die ihren Sohn fest umarmt und nur schwer loslässt und nicht ihr Sohn derjenige ist, der schutzsuchend in die Arme seiner Mutter fällt).
    Spannend fand ich zu Beginn das Mysterium, ob hinter dem Anruf des Sohnes nicht mehr steckt; dass er nur nicht so richtig mit Sprache rausrückt. Auch, weil er zum Verhör muss, weckt erst einmal Erwartungen an ein Problem, dass ihr Sohn zu verheimlichen/versucht versucht; genauso wie es der Mutter erging, losgelöst durch ihre eigene (depressionsgeprägte?) Vergangenheit.
    Dass diese Sorge letztlich überspitzt war, fand ich durch die antiklimatische Auflösung passend: Es war tatsächlich nur die polizeiliche Befragung eines Zeugen und ihr Sohn ist psychisch stabil.
    Auch die Entwicklung von der möglichen Suizidgefährdung ihres Sohnes und seinem abschließenden Plädoyer an das Leben überraschte mich als Leser positiv (wie wohl auch die Mutter).

    Zu deiner eingangs aufgeführten Stilsicherheit: Heutzutage ist es wirklich weitgehend verpönt Sprechverben einzusetzen. Mir persönlich gefallen diese auch nicht, aber … Aber ich finde es schade, wenn einem beim Schreiben die ganze Zeit ein Regelwerk über die Schulter schaut. Letztlich hilft nur ausprobieren und seine „Stimme“ finden, die einem persönlich am meisten liegt. Und auch, wenn du nur szenenweise in Dialogform schreibst, ist das auch in Ordnung. Wenn man sich unter Druck setzt, keine stilistischen Fehler zu machen, kommt entweder gar nichts oder ein zusammengehacktes Stückwerk bei raus, was selten Spaß beim Lesen bereitet. Und in einem gut geschriebenem Buch sind auch Stilblüten verschmerzbar oder sogar stilprägend.
    Man schaue sich nur Werke wie Gaddis‘ JR an (nur Dialog), Danielewskis Das Haus (experimenteller Textsatz), Joyce‘ Ulysses (u.a. ein 80 Seiten langer Monolog ohne Punkt und Komma), Schmidts Zettels Traum (keine vollständigen Sätze) an: eigentlich gibt es kaum Schreibregeln.
    Bleib am Ball. 🙂

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    • Ganz herzlichen Dank für Deinen ausführlichen und sehr aufschlussreichen Kommentar. Es ist für mich sehr hilfreich zu erfahren, wie Dinge bei den Lesern ankommen. Hin und wieder kommt es vor, dass etwas ankommt, von dem mir nicht bewusst war, dass ich so absichtlich so geschrieben hätte.
      Danke auch für Deinen Zuspruch, nach meinem eigenen Stil zu suchen. Ja, das wird wohl anders auch gar nicht funktionieren oder platt und nicht authentisch werden.
      Herzlichen Dank und viele Grüße
      Belana Hermine

      Gefällt 1 Person

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