Damasio: Im Anfang war das Gefühl

Im Anfang war das Gefühl – Der biologische Ursprung menschlicher Kultur

  • Antonio Damasio, aus dem Englischen von Sebastian Vogel
  • Siedler Verlag, 16. Oktober 2017
  • Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
  • 26,00 € (D), 26,80 € (A)
  • ISBN 978-3-827-50045-8

Inhalt

Der Titel beschreibt eigentlich recht gut, worum es in diesem Buch geht. Schon „immer“ sucht Damasio nach den biologischen Grundlegungen für unsere Handlungen – hier nun genauer für das, was wir als menschliche Kultur verstehen.

Als grundlegenden Mechanismus hat er das Streben nach Gleichgewicht (Homöostase) ausfindig gemacht, was in Urzeiten durch chemische bzw. biologische Prozesse geschah. Geriet/Gerät ein Organismus aus dem Gleichgewicht, reagiert er darauf affektiv. Mit der Entwicklung eines Nervensystems war es laut Damasio möglich, Wahrnehmung (u. a. auch Wahrnehmungen des Gleichgewichts) zu speichern, was Grundlage für die Entwicklung von Gefühlen war. Mit der Weiterentwicklung des Nervensystems war es dann auch möglich, die gespeicherten Wahrnehmungen mit aktuellen Wahrnehmungen zu vergleichen und auch zukünftige Wahrnehmungen und damit verbundene Gefühle zu antizipieren.

Diese Entwicklungsprozesse beschreibt Damasio sehr ausführlich, aber in einer überwiegend gut lesbaren Sprache, bevor er dazu übergeht zu zeigen, wie nun das Streben nach Homöostase, verbunden mit der Fähigkeit zu fühlen und Wahrnehmungen und Gefühl zu antizipieren, bestimmte gesellschaftliche Phänomene hervorbringt. Er zeigt aber auch auf, dass das Streben nach Homöostase eher ein kurzfristig angelegter Prozess ist und manchmal das Erreichen des Gleichgewichts für eine Person mit der Störung des Gleichgewichts für eine andere Person verbunden sein kann. Damit begründet er, dass die gesellschaftliche Entwicklung nicht immer nur in eine von uns als positiv wahrgenommene Richtung geht und es hin und wieder auch zu herben Rückschlägen kommen.

Ich hoffe, Wissenschaftler auf diesem Gebiet können mir meine knappe laienhafte Zusammenfassung verzeihen.

Subjektive Eindrücke

Für mich ist Damasio schon immer ein Wissenschaftler gewesen, der durch neue Ideen und Herangehensweisen andere Sichtweisen eröffnete und interessante Lichter auf sein Fachgebiet warf. In diesem Sinne bin ich auch von diesem Buch nicht enttäuscht worden.

Hin und wieder sind die Texte mit vielen Fachbegriffe gespickt, sodass ich hin und wieder innehalten musste, um mir wieder zu vergegenwärtigen, was gerade gemeint war. Trotzdem liest sich das Buch insgesamt flüssig. Hin und wieder verweist Damasio auf wissenschaftliche Studien, geht auf diese aber nicht weiter ein, sondern gibt lediglich einen Hinweis zum Weiterlesen. Es ist sicher schwierig, ein richtiges Maß zu finden – in diesem Buch hätte ich mir ein paar Stichworte mehr zu den erwähnten Studien gewünscht.

Was für mein Verständnis bei der Beschreibung der Entwicklung etwas nebulös geblieben ist, ist das Entstehen von Gefühlen und Bewusstsein. Sie schienen mir ein wenig schnell „einfach aufgetaucht“ zu sein.

Fazit

Es ist ein sehr interessantes Buch, das mit einem frischen Blick auf die Entwicklung menschlicher Handlungen schaut und diese durch zugrunde liegende biologische Prozesse zu erklären versucht. Jeder, der sich hin und wieder fragt, wieso es kommt, dass wir trotz unserer Intelligenz so viele destruktive Aktionen an den Tag legen, sollte dieses Buch (vor allem den letzten Teil) lesen.

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12 Gedanken zu “Damasio: Im Anfang war das Gefühl

  1. Du bist ja eine richtige Leseratte, Belana.
    Wieviel Bücher liest Du so im Monat?
    Übrigens – habe heute „Das kleine Hörbuch vom achtsamen Leben“ bekommen … Du hattest ja erst über das Buch geschrieben – bin schon gespannt …

    Gefällt 1 Person

    • Keine Ahnung, ist mir nicht wichtig. Ich habe einfach Spaß am Lesen. Ein bis zwei Stunden pro Tag werden es wohl sein. Das hängt etwas davon ab, wie die Anschlüsse mit der Bahn klappen und wie groß mein Schlafbedarf auf dem Weg von und zur Arbeit ist. In den Wochen, in denen ich wandere, lese ich so gut wie gar nichts.
      Viel Spaß mit Deinem Hörbuch.

      Gefällt 1 Person

      • Ich frage aus folgendem Grund…
        Wenn ich was lese muss ich das erworbene Wissen auch irgendwie verarbeiten, ich brauche dann auch immer Pausen zwischen den (Fach)Büchern.
        Hilfreich ist da eben eine Rezension zu schreiben, da ist dann wieder Platz im Kopf für was Neues und ich kann auch andere teilhaben lassen …

        Gefällt 1 Person

      • Ah, okay – verstanden.
        Eigentlich lese ich ja eine Mischung aus Sachbüchern, ScienceFiction/Romanen und spirituellen Büchern. ScienceFiction/Romane sind ja eher zum „Amüsieren“ oder eben Freude-Haben. Da braucht es (meiner Meinung nach) nicht viel Verarbeitung. Die spirituellen Bücher regen eigentlich direkt beim Lesen gewisse Prozesse an, die dann mehr oder weniger allein laufen. Wenn es Bücher mit Übungen sind, dann versuche ich schon, diese auch auszuprobieren. Was klappt und passt, wir beibehalten, was nicht, das eben nicht. Für die „wirkliche“ Verarbeitung bleiben dann aus meiner Sicht eigentlich nur noch die Sachbücher. Da es in der Regel Themen sind, die mich interessieren und zu denen ich gewisses Vorwissen habe, kann das Neue recht leicht andocken. Den Rest macht dann das Unterbewusstsein im Tagesgeschäft 😉 Naja, nicht ganz ernst, aber ein bisschen schon. Manchmal brauche ich tatsächlich eine Weile, bis sich manche Dinge gesetzt haben. Dann muss auch die Rezension eine Weile warten. Weiterlesen stört mich dabei aber nicht.

        Gefällt 2 Personen

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