Schreiben, schreiben, schreiben – Aufgabe 15

Die Aufgabe

Diesmal gab es als Ausgangspunkt die Beschreibung des Tagesablaufs eines Mannes, der sich sehr stereotyp verhält: immer alles zur selben Zeit, immer alles am selben Ort, immer dieselben Worte. Davon sollte man sich zu einer interessanten Geschichte inspirieren lassen, die auf jeden Fall einen Konflikt enthält, da diesmal besonders das Darstellen von Konflikten geübt werden sollte.

Außerdem sollte man das Thema nennen, den Plot skizzieren und die Prämisse aufschreiben

Was fiel mir schwer?

Das Thema für die Geschichten war eigentlich ganz schnell klar. Mich hatte besonders die Frage beschäftigt, warum sich jemand so stereotyp verhält. Aber dann war da wieder diese Frage nach der Hauptfigur. Eine Kurzgeschichte hat nur eine, aber an einem Konflikt sind normalerweise zwei, manchmal auch drei oder noch mehr Personen beteiligt. Ich musste es einfach versuchen.

Was mir bis zum Ende nicht so ganz klar geworden war, was der Unterschied zwischen dem Thema und der Prämisse ist. Da es daran keine Kritik gab, muss ich davon ausgehen, dass ich das Richtige getroffen habe. Ich weiß aber nicht, wieso 😉

Was habe ich gelernt?

Ich schrieb also eine erste Version. Sie gefiel mir schon ganz gut, aber ich erinnerte mich an einige Hinweise, die ich für vergangene Geschichten bekommen hatte, und versuchte, diese umzusetzen. Und siehe da, es klappte. Es war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, eine Vorstellung davon zu haben, was ich tun kann, um die Geschichte besser zu machen – außer ein paar sprachlichen Änderungen. Irgendwie war das toll.

Das Ergebnis

Und hier das Ergebnis nach einer kleinen Änderung aufgrund der Hinweise der Korrektur. Bin wie immer gespannt, was Ihr dazu sagt.

Was ist normal?

„Schönes Wetter heute, nicht wahr?“, fragte Herr Feddersen jeden Tag beim Betreten meines Busses, seit er das erste Mal mitgefahren war.

„Vielleicht zieht noch ein Unwetter auf“, antwortete ich heute, denn das Unheil kündigte sich schon seit zwei Stationen an.

Da war ein eklig cooler Typ eingestiegen, war gespreizt geradewegs auf die vorletzte Reihe zu stolziert und hatte sich breitbeinig links ans Fenster gepflanzt – genau auf Feddersens Platz. Feddersen hatte noch nie an einer anderen Stelle gesessen.

Klar, dass Feddersen direkt beim Einsteigen entdeckte, dass sein Sitz besetzt war. Er wurde kreidebleich. Ich schaute ihm nach und sah, wie er sich mit zitternden Knien den Gang zu diesem Platz entlangtastete. Vor dem coolen Typen blieb er stocksteif stehen und bekam kein Wort heraus. Seine Ohren fingen an zu glühen. Dann war ein leiser schriller Pfeifton zu hören.

Ich erkannte keine Reaktion des coolen Typs, bis der plötzlich sagte: „Ey, Mann. Was is‘ denn mit dir los? Setz‘ dich hin und mach‘ nicht einen derartigen Lärm.“

Feddersen schüttelte es so heftig, dass meine Augen kaum in der Lage waren, es zu erfassen. Der Pfeifton kreischte inzwischen um einige Tonlagen höher. Es schmerzte mir schon in den Ohren. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie die ersten Passagiere ungeduldig wurden.

Da war Handeln angesagt. Aber wie? Mein Herz stockte für einen Moment, dann holperte es umso aufgeregter los. Ich kletterte aus der Fahrerkabine und zwängte mich festen Schrittes durch den Gang zu dem coolen Typen.

„Mein Herr, wäre es Ihnen vielleicht möglich, sich auf einen anderen Platz zu setzen?“, versuchte ich, äußerst höflich zu fragen.

„Was soll der Scheiß? Ich war zuerst hier und bleibe sitzen.“

„Wissen Sie, dieser Mann hier fährt jeden Tag mit diesem Bus und sitzt immer auf diesem Platz“, versuchte ich es mit rationaler Argumentation. Dabei kochte es in mir. Das Blut rauschte mir entsetzlich in den Ohren. Gleich würde es meine Hände in unangemessene Bewegung versetzen. Immer cool bleiben. Aber nicht so wie dieser widerliche Typ. Warum rückte der nicht einfach einen Platz weiter?

Jetzt musste ich mit ansehen, wie er sich genüsslich zurücklehnte, einen Arm auf die Rückenlehne des Nachbarsitzes legte, die Beine lässig überkreuzte und seine Tasche neben sich stellte, wie um einen Besitzanspruch zu unterstreichen.

Feddersens schrilles Pfeifen war inzwischen weiter nach oben geklettert und hatte etliche Dezibel zugelegt. Es war fast nicht zum Aushalten. Er schwankte immerzu vor und zurück, vor und zurück. Ich hatte Sorge, dass er gleich umfallen würde. Außerdem sah ich seinen Mund zucken, wie um etwas herauszuschreien. Die Nasenflügel blähten sich auf und drohten, jeden Moment zu platzen.

Ich durfte nicht zulassen, dass sich die Lage weiter zuspitzte. Viele Fahrgäste fingen an zu murren. Ich spürte, wie sich ihre Blicke förmlich in meinen Rücken bohrten. Vermutlich waren sie erschrocken oder einfach nur neugierig. Keiner schritt ein.

Mir blieb nichts Anderes übrig, als die Zentrale anzurufen. Sie schickten sofort einen Notarzt los. Bis der ankam, war es an mir, die Fahrgäste zu beruhigen.

„Meine Damen und Herren, bitte gedulden Sie sich noch einen Moment. Es wird gleich ein Notarzt eintreffen. Dann werden wir unverzüglich weiterfahren“, rief ich durch den Bus.

Es dauerte nicht lange, bis Hilfe eintraf. Sie nahmen Herrn Feddersen mit. Der Arme begriff nicht, wie ihm geschah. Aber glücklicherweise hörte das schrille Pfeifen auf.

Im letzten Moment steckte ich dem Rettungssanitäter einen Zettel zu, den mir eine junge Frau gegeben hatte, die Feddersen bei seiner allerersten Fahrt mit meinem Bus zur Haltestelle begleitete. Darauf stand: „Im Notfall kontaktieren“ und eine Telefonnummer. Damals wusste ich nicht, was das zu bedeuten hatte. Die junge Frau hatte nur bestätigend genickt und war augenblicklich verschwunden. Der Rettungssanitäter verstand sofort. Plötzlich war auch mir alles klar.

„Der ist doch nicht normal, dieser Kerl“, ließ sich der coole Typ herab, den Vorfall zu kommentieren.

„Mag sein, aber deutlich normaler als Sie“, quetschte ich zwischen den Zähnen hervor und stampfte unzufrieden und wie ein geschlagener Krieger zu meinem Lenkrad zurück, um endlich die Fahrt fortzusetzen.

Am nächsten Tag begrüßte mich Feddersen: „Schönes Wetter heute, nicht wahr?“, und strebte seinem Platz zu, als wäre nie etwas geschehen.

Thema

Was ist normal, was ist anormal?

Plot

Feddersens Abläufe sind stereotyp: immer derselbe Sitzplatz im Bus, immer dieselben Worte an den Busfahrer.

Als sein Platz im Bus besetzt ist, überfordert ihn diese Situation. Der Busfahrer bemüht sich um eine Lösung. Vergebens. Das stresst Feddersen dermaßen, dass er einen psychotischen Anfall bekommt und von einem Notarzt abgeholt werden muss. Eine Kontaktnummer gibt dem Rettungssanitäter einen Hinweis auf Feddersens Krankheit.

Am nächsten Tag ist Feddersen wieder ganz der Alte.

Prämisse

Auch Kranke können normal sein, wenn ihre Umgebung sie lässt.

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

4 Gedanken zu “Schreiben, schreiben, schreiben – Aufgabe 15

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