Schreiben, schreiben, schreiben – Aufgabe 16

Die Aufgabe

Es sollte schlicht und ergreifend ein Kurzkrimi (125 Zeilen, das sind 7500 Zeichen) geschrieben werden. Nun sind Krimis nicht gerade mein bevorzugtes Genres. Aber was muss, das muss – und hier musste ich eben durch.

Das Thema war frei. Es war auch nicht festgelegt, welche Art von Verbrechen man aufklären sollte. Einzige Forderung war, dass es entweder die Sicht des Täters oder die Sicht des Aufklärenden sein sollte.

Was fiel mir schwer?

In den Unterlagen gab es ganz viele Hinweise, wie ein Krimi zu schreiben sei. Die bezogen sich aber überwiegend auf „richtige“ Krimis, also ganze Romane, und fielen für mich aus.

Da ich die Sicht des Aufklärers gewählt hatte, konnte ich den Tathergang nicht beschreiben. Wie konnte also mein Ermittler von der Tat erfahren haben? Auch durfte ich – da es ein Kurzkrimi werden sollte, nicht die Perspektiven wechseln. Irgendwie fehlte mir immer diese zweite Sicht – ganz unabhängig davon, ob ich nun aus Sicht des Ermittlers oder des Täters berichtete. Für mein Empfinden lebt so ein Krimi doch sehr davon, was in den Köpfen der Hauptpersonen vor sich geht. Da könnte man so schöne Widersprüchlichkeiten konstruieren.

Was habe ich gelernt?

Ich hatte also alle Übungen aus den Unterlagen gemacht und auch eine Idee, wie das Ganze ablaufen soll. Aber ich konnte einfach nicht anfangen, die Geschichte zu schreiben. Ich fühlte mich von all diesem „Wissen“ völlig blockiert. Also habe ich alles erstmal angefangen, so ganz frei nach Schnauze zu schreiben. Da stand dann wenigstens das Grundgerüst und ich hatte etwas, womit ich arbeiten konnte.

In einem zweiten Schritt habe ich dieses Grundgerüst zu einer annehmbar lesbaren Geschichten umgestrickt. Sie war aber etwa doppelt so lang wie sie sein durfte. Also ging es in einem dritten Schritt darum, soweit zu kürzen, dass die Geschichte noch verständlich und nachvollziehbar blieb, aber doch auf den gegebenen Platz passte. Vielleicht habe ich ja zu viel gekürzt. Aber ich musste das Ganze dann einfach losschicken. Ich fühlte mich von der ganzen Sache schon regelrecht verfolgt.

Wichtigste Erkenntnis aus diesem ganzen Prozess ist wohl, dass ein zu stures Befolgen von (gut gemeinten) Ratschlägen auch hemmen kann, und dass man auch mal einfach so etwas runterschreiben kann, wenn man es denn hinterher weiter bearbeitet.

Das Ergebnis

Und hier das Ergebnis nach kleinen Änderungen aufgrund der Hinweise der Korrektur. Bin wie immer gespannt, was Ihr dazu sagt.

Du wirst nie vergessen

Mit kühnem Schwung schmiss mir mein Chef eine Akte auf den Schreibtisch: „Hier, für dich, Mike. Kam grad rein. Kindesentführung mit Lösegeldforderung. Maria Meier. Ein Baby, vier Wochen alt. Vom Vater gemeldet. Morgen soll Übergabe sein. Ich verlasse mich auf dich. Du bist mein bester Mann.“ Mit diesen Worten war er wieder zur Tür hinaus, die mit einem lauten „Klapp“ ins Schloss fiel.

Ich nahm mir zuerst die Akte vor. Laut Aussage der Mutter hatte sie im Wald geschlafen. Als sie aufwachte, war das Kind aus dem Kinderwagen verschwunden. Vermisstenanzeige. Keine verwertbaren Spuren für eine DNA-Analyse. Unregelmäßige Abdrücke im Waldboden, vermutlich hinkende Person. Schuhgröße etwa 45-47, circa 90-100 Kilo schwer. Sicher ein großer Mann. Die Mutter ist Lehrerin, mit dem Kindsvater verheiratet, der eine eigene Firma hat und wegen finanzieller Probleme ein paar Mitarbeiter entließ.

Das Erpresserschreiben fiel mir auf den Schoß. Es war kunstvoll gestaltet, wie eine Urkunde aus Schulzeiten. „Du wirst nie vergessen!“, stand darauf. Ein ehemaliger Schüler? Der folgende Text erklärte den Rest. 500.000 Euro Lösegeldforderung. Rückgabe des Kindes dort, wo es entführt wurde. Die übliche Warnung, nicht die Polizei einzuschalten. Der Vater hatte uns trotzdem informiert. Wieso? Das wollte ich die Eltern direkt fragen.

Herr Meier öffnete. Er war groß und stämmig, aber höflich, fast kalt. Hinkte er ein wenig oder sah ich jetzt schon Gespenster? Seine Frau saß klein, zusammengesunken und weinend am rechten Ende des Sofas, er setzte sich ans linke Ende. Mir bat er einen Stuhl an.

Ich ließ mir schildern, was vorgefallen war. Dann fragte ich gerade heraus: „Herr Meier, wie geht es eigentlich Ihrer Firma?“

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er richtete den Körper etwas auf. „Was hat das denn mit dem Fall zu tun?“

Ich bemühte mich, den inneren Aufruhr zu unterdrücken und meinen Verdacht nicht etwa durch einen kalten Klang der Stimme zu verraten. „Vielleicht will der Täter an das Geld Ihrer Firma?“

„Im Moment ist die Auftragslage nicht so gut. Ein paar Mitarbeiter musste ich entlassen. Sie denken doch nicht etwa, dass ich es war? Es ist meine Tochter!“

Jetzt saß er kerzengerade auf dem Sofa. Ich sah, wie seine Halsmuskeln zuckten und dann verspannt erstarrten.

„Und warum sind Sie zur Polizei gegangen, obwohl der Erpresser Sie explizit davor warnte?“

„Na, hören Sie mal. Sieht man doch in jedem Film, dass es so oder so schief geht. Dann schon lieber unter Polizeiaufsicht.“

War der Mann wirklich so naiv? Mir stieg etwas heiß die Kehle herauf. Jetzt nur nicht ausrasten.

„Lassen Sie uns kurz die morgige Übergabe besprechen. Sie, Frau Meier, gehen zur vereinbarten Zeit zu der Stelle, wo Sie im Wald geschlafen hatten, und haben eine Reisetasche dabei, die aussieht, als wäre das Geld darin. Kollegen werden das Gelände sichern. Ich werde ebenfalls vor Ort sein.“

Frau Meier nickte. Sie saß jetzt ein wenig weicher in ihrer Sofaecke und weinte nicht mehr. Zum Abschied warf mir Herr Meier einen kalten, vernichtenden Blick zu.

Am nächsten Tag hockte ich unweit der Übergabestelle in einem versteckt stehenden Streifenwagen. Die Zeit tröpfelte vor sich hin. Mein Herz schlug mit jedem Tropfen schneller. Meine Hände wurden feucht und kühl. Wäre ich Raucher, hätte ich mir jetzt eine angesteckt.

Frau Meier tauchte absolut pünktlich auf. Der Entführer war nicht zu sehen. Da hörte ich einen spitzen Schrei. Ich stürzte aus dem Wagen und sah Frau Meier schlaff am Boden kauern. Sie presste etwas an ihr Gesicht. Ihr herzzerreißendes Wimmern schnürte mir die Kehle zu. Vorsichtig legte ich den Arm um ihre Schultern und spürte, wie ein neuer Schmerzensschauer sie schüttelte.

„Frau Meier. – Frau Meier, hören Sie mich?“

Zaghaft nickte sie, als hätte sie Sorge, etwas könne zerbrechen, wenn sie sich zu heftig bewegte. Behutsam griff ich nach ihrer Hand. Sie hielt eine Babysocke fest, in der eine Art Zeugnisrolle steckte. Wieso hatten die Kollegen das übersehen?

„Frau Meier, sollen wir die Rolle aufmachen?“

Die gleiche Handschrift: „Du wirst nie vergessen!“ Dieselben Worte wie beim ersten Mal. Darunter stand: „Du solltest die Polizei raushalten. Alles ist deine Schuld.“ Eine Zeugnisrolle? Doch ein Schüler?

Die Beamten brachten Frau Meier nach Hause. Ich kehrte in mein Büro zurück. In meinem Magen zog sich etwas zusammen. Momentan konnte ich nur die Entlassenen aus Herrn Meiers Firma interviewen. Sonst hatte ich keine Ideen mehr. Es gab keine weiteren Hinweise, keine neuen Forderungen, keine Erkenntnisse der Spurensicherung. Ob wohl irgendwann ein unbekanntes Kind auftauchen würde? Oder… Bloß nicht daran denken.

Die Interviews erbrachten nichts Neues, aber nach zwei Tagen lag ein Zettel auf meinem Schreibtisch. Jemand hatte in der Babyklappe des nahe gelegenen Klosters ein schwerkrankes Kind abgegeben. An der rechten großen Zehe hing ein Schild: „Maria Meier“. Das erinnerte sofort an ein Leichenschauhaus. Wie pervers war dieser Typ nur? Vermutlich hatte er Maria abgegeben, weil sie so krank war. Die Schwestern hatten das Baby umgehend ins Krankenhaus gebracht.

Ich traf mich mit der Oberin des Klosters. Vielleicht ließ sich etwas über die Person herausfinden, die Maria abgegeben hatte. Die Oberin empfing mich herzlich, aber zurückhaltend.

„Hatten Sie Dienst, als Maria abgegeben wurde?“, fragte ich.

„Nein, Schwester Sophie.“

„Ich würde mich gern allein mit ihr unterhalten. Vielleicht kann sie uns den Täter beschreiben.“

„Alle Schwestern sind angehalten, diese Dinge äußerst diskret zu behandeln. Aber ich werde sie rufen lassen.“

Schwester Sophie wirkte aufgeweckt und wissbegierig und platzte direkt heraus: „Bitte, bitte, erzählen Sie es bloß nicht der Oberin. Ich weiß, es ist Sünde, wenn man neugierig ist. Aber der Herr gab mir ein Zeichen. Oh, ich habe gesündigt. Ich muss es beichten.“

„Ich werde dafür sorgen, dass Ihre Oberin nichts hiervon erfährt. Bitte sagen Sie mir, was passiert ist.“

Schwester Sophie holte tief Luft. Ich beobachtete, wie sie ihre Augen nach oben drehte, als würde sie auf ein Zeichen ihres Gottes warten. Nach einem weiteren tiefen Atemzug feuerte es aus ihr heraus: „Ich habe ein Foto mit meinem Handy gemacht.“

Dann plumpste sie erschöpft und zugleich erleichtert auf einen Stuhl: „Wenn der Herr mich dafür bestrafen will, dann werde ich das akzeptieren. Ich musste es einfach tun.“

Ich brauchte jetzt ebenfalls einen Stuhl. „Haben Sie das Foto noch?“

Sie schickte es mir per E-Mail.

Mit dem Foto in der Tasche suchte ich noch einmal Familie Meier auf.

„Meiner Frau geht es nicht gut und wir wollen gleich wieder ins Krankenhaus zu Maria“, brummte Herr Meier statt einer Begrüßung.

„Ich habe nur eine ganz kurze Frage. Frau Meier, bitte schauen Sie sich das Foto an und sagen Sie mir, ob Sie diesen Mann kennen.“

Frau Meier saß erschöpft auf dem Sofa, hob zaghaft die Augen und schielte auf den Bildschirm. Sie schüttelte den Kopf.

„Streng dich an! Du hast doch immer einen guten Draht zu deinen Schülern und erkennst sie auf der Straße auch noch nach Jahren“, herrschte ihr Mann sie an.

Sie schüttelte nur sachte den Kopf.

Inzwischen war Herr Meier hinter seine Frau getreten und legte ihr die Hände auf die Schultern, als wolle er sie durchschütteln. Dabei fiel sein Blick auf das Display. Das Gesicht bröselte ihm förmlich auseinander und er musste sich an seiner Frau festhalten, weil die Beine unter ihm wegsackten.

„Das ist Krausemeister. Ich habe ihn vor zwei Wochen entlassen, weil er versucht hatte, Kunden zu betrügen. Im Gegenzug dafür wollte ich auf rechtliche Schritte verzichten.“

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

8 Gedanken zu “Schreiben, schreiben, schreiben – Aufgabe 16

  1. Ist doch eine schöne Geschichte geworden. Danke fürs Teilhabenlassen. Ich bin eigentlich bei den meisten meiner schriflichen Dinge der „Ins-Blaue-hinein“-Schreiber. Fühle mich einfach wohler, wenn ich schon mal was auf dem Blatt habe. Was dann natürlich nicht heißt, dass das dann letztendlich auch wirklich so bleibt, oder einfacher wird es umzumodeln. 😉 LG Michael

    Gefällt 1 Person

    • Herzlichen Dank für dieses Feedback. Das freut mich.
      Vermutlich brauchen größere Sachen ein wenig grundsätzliche Planung. Aber ich merke doch auch immer wieder, dass die Geschichten doch auch ihren eigenen Willen haben. Man kann sie zu nichts zwingen 😉
      Viele Grüße
      Belana Hermine

      Gefällt 1 Person

      • Zu manchen Texte, die ich des Berufs wegen schreiben muss, muss ich mich in der Tat auch manchmal zwingen. Aber da reicht manchmal schon ein fetter Eintrag auf der ToDo-Liste. Man will das ungeliebte Zeugs ja nicht tagelang vor Augen haben 😉

        Liken

Ich freue mich auf Deinen Kommentar. Bitte beachte aber, dass Daten gespeichert werden (siehe Datenschutzerklärung).

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.