Wolf: Schnelles Lesen, langsames Lesen

Schnelles Lesen, langsames Lesen – Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen

  • Maryanne Wolf, aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg
  • Penguin Verlag, 22. April 2019
  • Gebundene Ausgabe, 304 Seiten
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A)
  • ISBN 978-3-328-60099-2

Inhalt

Frau Wolfs These ist, dass das Papier-Bücherlesen unser Gehirn auf eine ganz besondere Weise formt, die Voraussetzung für tiefgreifendes und kritisches Denken ist. Wenn wir aufhören, Papier-Bücher zu lesen, wird sich diese Formung nachlassen, bzw. wenn Kinder gar nicht erst lernen, Papierbücher zu lesen, wird das Gehirn nicht entsprechend geformt werden und wir werden die entsprechenden Fähigkeiten verlieren bzw. gar nicht erst aufbauen. Damit verbunden sieht Frau Wolf ein Nachlassen unserer emotionalen und empathischen Fähigkeiten.

Ihr Buch nutzt sie nun, um darzustellen, welche Prozesse im Gehirn beim Lesen ablaufen, welche besonderen Formungen entstehen, wenn wir Papier-Bücher lesen, und was passiert, wenn wir nicht mehr Papier-Bücher lesen. Darauf aufbauen erläutert sie, wie das Lesen-Lernen bei Kindern gestaltet werden muss, damit sie in der Lage sein werden, Papier-Bücher zu lesen.

Die einzelnen inhaltlichen Abschnitte sind als Briefe angelegt, die mit „Liebe Leserin, lieber Leser“ beginnen und mit „Hochachtungsvoll Ihre Autorin“ enden. Im Text finden sich Markierungen für Anmerkungen, die sich am Ende des Buches auf 34 Seiten finden. Dort sind auch weiter gehende Lese-Empfehlungen enthalten.

Subjektive Eindrücke

Tja, wo soll ich anfangen mit meinen subjektiven Eindrücken?

Mir war zuerst nicht ganz klar, wieso es ausgerechnet Papier-Bücher sein sollen, die zu lesen sind. Hier konnte mich Frau Wolf aber überzeugen, dass Papier-Bücher ein vorwärts- und rückwärts-Gehen im Geschehen erlauben und dadurch einen anderen Lese-Eindruck vermitteln und tieferes Eindringen in die Geschichte ermöglichen. Ja, ich meine schon, dass ich Texte im Internet anders, also oberflächlicher lese als Bücher. Und die Möglichkeit des Vor- und Zurückspringens in eBooks fehlt mir durchaus hin und wieder.

Was aus meiner Sicht aber zu wenig vielschichtig diskutiert wird, ist die Frage, was wir wirklich verlieren, ob wir das, was wir verlieren, genau in dieser Art brauchen, oder ob es nicht vielleicht durch etwas Anderes, was dringender (?) gebraucht wird, ersetzt werden wird. In der Geschichte hat es schon mehrfach Änderungen in unseren (auch kognitiven) Gewohnheiten gegeben. Die Argumentation von Frau Wolf spricht durchaus für einen Verlust, aber das, was wir ggf. bekommen, erhält meiner Meinung nach zu wenig Beachtung.

Frau Wolf bemüht sich um einen leicht verständlichen Sprachstil, was ihr aus meiner Sicht auch gut gelungen ist. Hier würde ich aber schon fast so weit gehen, dass mir die Darstellung des Leseprozesses im Gehirn als Zirkus mit vielen Manegen ein wenig zu vereinfachend vorkommt. Aber hier mag jede/r seine/ihre eigenen Vorlieben und Bedürfnisse haben.

Die Idee, Buchkapitel als Briefe zu gestalten, fand ich auf den ersten Blick sehr schön und kreativ. Leider bestand die Umsetzung ausschließlich daraus, den ansonsten üblichen und wie üblich mit Unterüberschriften eingeteilten Kapiteltext mit einer Gruß- und einer Abschlussformel zu versehen. Schade, es wäre sicherlich inspirierend gewesen, durch persönliche Ansprache und Anknüpfung an mögliche eigene Erlebnisse der Lesenden durch den Text geleitet zu werden. Die persönliche Note eines Briefes kam für mich in den sachlichen Inhalten nicht zum Ausdruck.

Die Ausführungen dazu, wir Kinder lesen lernen sollten, waren sehr interessant und knüpften für mich stark an dem an, was im Bereich der Entwicklungspsychologie gelehrt wurde. Ich denke, dass dies wirklich sehr wichtig für die Gestaltung in Schulen und Vorschulen ist. Allerdings habe ich hier den Bezug zum eigentliche Thema des Buches – nämlich, dass wir weiterhin Papier-Bücher lesen sollen/müssen nicht mehr gefunden.

Fazit

Je mehr wir zum Lesen auf flüchtigen Medien und damit zum flüchtigen Lesen neigen, desto stärker werden uns bestimmte kognitive Fähigkeiten verloren gehen (bzw. wir werden sie nicht erst aufbauen). Diese Warnung wird deutlich im Buch und regt zum Überdenken eigener Verhaltensweisen an. Das ist für mich der besondere Wert dieses Buches. Darüber hinaus gibt es viel Wissenswertes darüber, wie Lesen im Gehirn funktioniert und was nötig ist, um gut lesen zu lernen. In diesem Sinne ist es ein sehr engagiertes Buch, das es durchaus Wert ist, gelesen zu werden.

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17 Gedanken zu “Wolf: Schnelles Lesen, langsames Lesen

      • Wobei ich es bei Spitzer noch eher „entschuldigen“ würde. Ihm ging es in seinem Buch darum, dass wir nicht mehr genug lernen, wenn wir nur die kleinen Info-Fetzen im Netz wahrnehmen. Er hat sicher eher nicht dazu geäußert, wie man lange Texte/Bücher lesen sollte. Da hatte ich den Eindruck, dass das für ihn zu der Zeit (noch) egal war. Aber Frau Wolf argumentiert ja explizit (auch) gegen digitale Bücher. In diesem Sinne sollte sie ihr Buch dann in der Tat nicht als eBook vertreiben lassen, es sei denn…

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      • Er wendet sich meiner Ansicht nach geradezu militant gegen digitale Medien – und macht damit natürlich ein ganz gutes Geschäft. Was ja auch die Aneinanderfügung der Worte digital und Demenz zeigt. Mir alles etwas zu extrem.

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      • Naja, ich konnte mich jetzt nur auf sein Buch beziehen. Das fand ich zwar recht klar in der Aussage, aber nicht übertrieben aggressiv (oder militant). Allerdings weiß ich nicht, was er sonst so treibt und wie er sonst so auftritt. Wichtig ist für mich allerdings schon, dass es möglichst eine Übereinstimmung zwischen Handeln und Reden gibt, obwohl ich natürlich aus eigener Anschauung weiß, wie schwer das hin und wieder sein kann.

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    • Ich weiß nicht, ob das so in der Allgemeinheit stimmt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich der Fokus von langen Büchern auf kurze Mitteilungen verschoben hat. Auch Frau Wolf meint, dass eigentlich durchaus viel gelesen wird, aber eben kaum längere, zusammenhängende Texte und eben nicht vom Papier, sondern elektronisch.

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  1. Ich liebe Bücher aus Papier! Ich liebe das Geräusch beim Umblättern, den Duft, vor allem eines ganz frischen Buches – und dass ich bei einem Buch aus Papier ohne viel Umstände den Schluss zuerst lesen kann. 😉 Manchmal mache ich das nämlich. 😉

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    • Oh ja, diesen Duft mag ich auch sehr gern. Aber auch denk von Büchern, die schon durch tausende Hände (die eigenen oder in Bibliotheken) gegangen sind. Man kann richtig spüren, wie oft solche Bücher schon gelesen wurden. DAS geht elektronisch gar nicht 🙂
      Und ja, wenn es zu spannend wird, muss ich auch erst das Ende lesen, um in Ruhe das Buch genießen zu können. Aber das geht (inzwischen) auch in eBooks, wenn auch nicht sooo bequem.

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