Offene Türen – Teil 1

PachT (hier sein Blog) veröffentlichte gestern eine moderne Form der Weihnachtsgeschichte, was mal wieder eine Stubser zu eigenem Nachdenken und Erinnern lieferte: Maria und Josef fällt es schwer im heutigen Bayern unter Corona-Bedingungen eine Unterkunft zu finden.

Ja, man mag aufgrund flüchtiger Alltagsbeobachtungen zu der Ansicht kommen, dass wir uns alle mehr und mehr verschließen und dass niemand mehr irgendjemandem hilft. Die (sozialen) Medien tun das Ihrige dazu, dass sich diese Meinung festsetzt. Ich gebe zu, dass ich auch immer wieder mal darüber am Murren bin.

Aber ist das wirklich so?

Die Sache hat mal wieder mindestens zwei Seiten. Ich könnte jetzt erzählen, wie es mir auf meinen Wegen ergeht, wenn ich Hilfe brauche. Aber das verschiebe ich vielleicht auf morgen. Viel lieber will ich mal auf eine Seite schauen, die wir uns meist gar nicht ansehen. „Klopfet an und Euch wird aufgetan. Bittet und Euch wird gegeben.“ Naja, so ähnlich steht es doch geschrieben. Aber klopfen wir wirklich an? Bitten wir wirklich? Wird das nicht schnell als Bettelei abgetan, als Eindringen in die Privatsphäre anderen Menschen? Haben wir Angst vor Zurückweisung?

Ja, wir sind psychologisch so gebaut, dass wir gern etwas, das uns zuteil wurde, wieder zurückzugeben. Und das ist auch gut so. Es ist wie menschlicher Kitt. Aber wir haben das in unserer Gesellschaft ziemlich perfektioniert. Tit-for-tat. Wie Du mir so ich Dir. Wenn ich Dir gebe, musst Du zurückgeben und zwar auf Heller und Pfennig oder eben Euro und Cent. Wenn Du mir gibst, fühle ich mich in Deiner Schuld.

Dabei kann man gute Taten doch auch weiterreichen. Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Film „Das Glücksprinzip“. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man, wenn man Hilfe braucht, eben häufig nicht genau in diesem Moment in der Lage ist, etwas zurückzugeben. Und vielleicht wird man nie in der Lage sein, es genau diesem Menschen zurückzugeben. Aber ist nicht auch das ein ganz normaler Vorgang? Was Eltern ihren Kindern geben, können diese niemals ihren Eltern zurückgeben – es sei denn sie werden wirklich über Jahre zum Pflegefall. Stattdessen geben sie es doch eher ihren eigenen Kindern weiter.

Als ich Mutter wurde, war ich Studentin, mein Vater lebte weiter weg, meine Schwester noch weiter, ich war mehr oder weniger alleinerziehend. Ich war so froh, dass mir geholfen wurde. Aber ich hätte zu diesem Zeitpunkt nichts zurückgeben können. Und auch jetzt kann ich den meisten der Menschen, die mir damals geholfen haben, nichts mehr zurückgeben. Aber ich kann in Erinnerung an die Hilfe, die ich bekommen habe, anderen etwas zukommen lassen und muss nicht für alles eine Gegenleistung fordern, denn ich habe ja schon bekommen.

Vielleicht brauchen wir heutzutage den Spruch in umgekehrter Form: „Wer gibt, darf bitten.“ „Wer gegeben hat, darf bitten.“ „Wer geben wird, darf bitten.“

Und – by the way – ein „Dankeschön“, eine herzliche Umarmung, ein nettes Wort geht immer und wird von den meisten, die einem helfen, auch wirklich gern angenommen. Auch das wird morgen in der Geschichte, wie es mir auf meinen Wegen geht vorkommen.

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine

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16 Gedanken zu “Offene Türen – Teil 1

  1. Ich habe gar nicht das Gefühl, dass wir einander nicht mehr helfen. Klar es gibt immer die, die nur an sich denken, aber es gibt eben auch die, die da sind, wenn Hilfe gebraucht wird. Sei es damals in der Flüchtlings“krise“, aber auch dieses Jahr in Zeiten von Corona. Viele haben für andere eingekauft, haben vor Altenheimen Musik gemacht, sind kreativ geworden, um gemeinsam und auch solidarisch durch die Krise zu kommen.
    Ich finde, man bekommt immer was zurück, wenn man hilft. ob nun im Freundeskreis, der Familie oder ehrenamtlich. Und wenn man Hilfe bekommt, muss man sie ja nicht 1:1 zurückgeben.
    Ich habe selber auch viel Hilfe bekommen, als es mir mal sehr schlecht ging. Viel professionelle Hilfe, aber auch da war nicht alles selbstverständlich, aber auch von Freunden. Familie eher weniger, aber das ist ein anderes Thema.
    Ich helfe und gebe da, wo ich es kann. Manchmal ist es Geld, manchmal ist es Zeit, manchmal ist es Unterstützung in anderer Form.
    Klar, manchmal bekommt man auch nichts zurück… „Undank ist der Welten Lohn“, aber auch das gehört zum Leben dazu.

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    • Du hast völlig recht. Wenn jede/r in der Art und Weise hilft, wie er/sie eben gerade kann, dann wäre wirklich viel(en) geholfen. Und auch in dieser Beziehung muss man sich vielleicht immer mal wieder ganz bewusst daran erinnern, dass es eben viel Hilfe rundherum gibt. Die enttäuschenden Momente hinterlassen leider immer den tieferen Eindruck.
      Ob Undank wirklich der Welten Lohn ist, würde ich aber gern bestreiten. Ja, es kommt vor, dass jemand nicht dankbar ist bzw. gerade nicht dankbar sein kann. Undank ist für mich aber noch was Anderes. Nicht gedankt zu bekommen habe ich durchaus schon erlebt, aber wirkliche Undankbarkeit eigentlich nur ganz selten. Vermutlich eher auf Arbeit, wo von unseren Klienten Vieles für selbstverständlich genommen wird. Aber auch da versuche ich dann (wenn ich mich daran erinnere, es zu versuchen), diejenigen zu sehen, die doch zu schätzen wissen, was sie bekommen.

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      • Nein, so wollte ich das nicht verstanden wissen… das ist ja so ein Spruch, den man gerne mal ablässt, wenn eben nix zurück kommt, nicht mal ein Dank. Das kommt vor, aber selten. Deswegen habe ich ja geschrieben, dass es manchmal vorkommt 🙂

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      • Oh, ich denke, ich hatte das schon richtig verstanden. Aber es gibt einfach so ein paar Sprüche, die ich irgendwie blöd finde. Aber das bewahrt mich nicht davor, sie dann doch auch mal abzulassen, wenn ich dann mal in so einer Situation bin. Das Problem ist wohl, dass wir Menschen recht schnell verallgemeinern. Und das ist gefährlich. Deswegen finde ich es immer gut, wenn Du auch ganz bewusst die Aufmerksamkeit auf das Positive lenkst. Nein, nein, dass das nicht Dein „Leitmotto“ ist, das war schon klar.

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  2. Viele haben meiner Meinung nach Bedenken und große Scheu davor, andere um Hilfe zu bitten. Denn das wird in unserer Gesellschaft häufig als Schwäche, als Versagen, als Bettlerei angesehen. Das fängt oft schon bei der Erziehung an. Man wird da ganz flott in die Schublade Schande der Familie gesteckt, wenn man in finanzielle bzw. berufliche Schräglage gerät und „andere anbettelt“ – „Um Himmels Willen! Was werden die Nachbarn nur von uns denken, wenn das im Ort die Runde macht!“…
    Vor allem, wenn man den Staat um Hilfe und Unterstützung bitten muss. Das gilt oft als Schmarotzertum, da hat man auf ganzer Linie versagt, man liegt auf der faulen Haut und den braven BürgernInnen auf der Tasche. Hartz-IV-EmpfängerInnen werden als drogensüchtige, scheinkranke und alkoholkranke Faulpelze abgetan, als Schande für die Gesellschaft, ebenso die BezieherInnen von Grundsicherung aufgrund einer Rente, von der man nicht leben kann, da bekommt man ohnehin den Stempel des/der VersagerIn aufgedrückt, denn wenn man ordentlich und hart seiner Lebtag lang gebuckelt hat, dann kann man auch von seinem Ruhestandsgeld leben, Punkt. Solche Kommentare habe ich nicht nur im „Sozialen Netzwerk“ Facebook sondern auch auf meinem Blog bereits zur Genüge lesen müssen. Und auch Mittafelgäste haben mir schon einige Male erzählt, dass sie auf dem Heimweg von der Ausgabestelle als „widerwärtige und nichtsnutzige Sozialschmarotzer“ beschimpft worden sind…
    Auch das „quid pro quo“ – wenn ich dir etwas Gutes tue, dann möchte ich das gefälligst auch auf die eine oder andere Weise von dir zurück haben bzw. dann erwarte ich auf ewig deine große Dankbarkeit – ist bei uns noch gang und gäbe. Das fängt im Familienkreis an und setzt sich in der Arbeit und bisweilen auch im Freundeskreis fort…
    Aber es gibt zum Glück und zu meiner großen Freude Menschen, die von Herzen gerne geben, immer und immer wieder, häufig im Stillen, und ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Und diese Menschen haben in meinem Herzen einen ganz besonderen Platz. Und heuer, im verflixten Corona-Jahr 2020, habe ich die beglückende Erfahrung machen dürfen, waren/sind es so Viele wie noch nie zuvor, die an mich gedacht haben, mir Mut zusprachen, Hilfe anboten, geholfen haben…
    Ich bin Anhängerin des Glücksprinzips, und gebe gerne weiter, auch wenn ich nicht viel zu geben habe. Bücher spende ich dem nächstgelegenen Bücherschrank, Klamotten, die im Kleiderschrank ein unbeachtetes Dasein fristeten, an die Diakonie. Manchmal gebe ich auch einfach nur ein Lächeln, ein Augenzwinkern, ein halbes Stünderl Zuhören oder Lesen. Oder Mut zusprechen. Wer ein Quartier für ein paar Tage sucht, ist bei mir willkommen, und ich teile auch gerne Speis und Trank…

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    • Du sprichst ganz viele wichtige Aspekte an. Vielen Dank dafür.
      Und ja, es gibt Vieles, das man geben kann, ohne dafür Materielles Aufwenden zu müssen. Du sprichst es ja an: Zuspruch, Mut machen, miteinander reden, sich Zeit geben. Das sind doch auch ganz wichtige menschliche Werte, die aber eben mit unseren ökonomischen Kennziffern nicht ausgedrückt werden (können) und deswegen unter den Tisch fallen. Gerade auf meinen Wanderungen habe ich es immer wieder erlebt, wie dankbar Menschen waren, wenn man ihnen einfach ein paar Minuten zugehört hat. Und: jemanden in seiner/ihrer Muttersprache ansprechen. Das lässt viele Augen aufleuchten.

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    • Ich kann Deinen Ärger und Deinen Frust gut verstehen. Ich bin hier auch manchmal wie ein Rumpelstilzchen am rumtoben, wenn die Leute meinen, der ganze Waldweg gehöre ihnen und alle Anderen können ruhig im Seitenschlamm versinken. Ja, das passiert. Aber es gibt auch viele, viele Momente, in denen man auf eine Bitte hin doch sehr positive Reaktionen bekommt. Ich bin sicher, dass es auch solche Momente in Deinen Erinnerungen gibt.

  3. Du bist aber auch auf spirituellen Wegen unterwegs. Wenn du einige der dort befindlichen Leute im „normalen Leben“ triffst, kannst du nicht immer mit so viel Freundlichkeit rechnen. Etwas „weit hergeholtes“ Beispiel der Mißbrauchsopfer der christlichen Kirchen. Als Gläubige wohl geliebt, als Anspruchsberechtigte nahezu verhasst. LG Michael

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