Schreiben, schreiben, schreiben – Aufgabe 7

Die Aufgabe

Gegeben war ein Bild, auf dem ein Mann im Businessanzug ohne Socken in einem Wald auf einem Baumstumpf in Meditationshaltung sitzt. Man sollte sich dazu eine Geschichte ausdenken, ein Gliederung schreiben und natürlich die Geschichte erzählen. Wie immer sollte die Geschichte Anfang, Mittelteil und Ende haben.

Was fiel mir schwer?

Zwar habe ich Schwierigkeiten, wenn gar kein Thema vorgegeben ist, aber wenn es so eng gezogen ist, dann habe ich auch meine Probleme. Diesen Typen konnte ich gar nicht leider. Er sah sowas von arrogant aus. Dass er meditierte, nahm ich ihm überhaupt nicht ab. Okay, also musste sich die Geschichte irgendwie darum drehen.

Noch viel schwieriger war es für mich, erst eine Gliederung und dann die Geschichte zu schreiben. Sicherlich ist es bei größeren Werken eine gute Idee, sich vorher Gedanken zu machen, wie der grobe Ablauf ist. Aber bei drei Standardseiten? Normalerweise setze ich mich hin und es schreibt einfach so los. Fertig. Klar, eine Gliederung habe ich hingekriegt – allerdings wohl nicht ganz so wie gefordert. Sie war wohl deutlich zu knapp. Aber wir hatten auch nur 10 Zeilen dafür.

Was habe ich gelernt?

Aus der fertigen Gliederung die Geschichte zu machen, war wirklich mühselig und harte Arbeit. Ich habe so richtig gemerkt, wie mir diese Vorstrukturierung den kreativen Fluss genommen hat. Schade, schade. Also werde ich das in Zukunft nicht wieder tun bzw. mir genau überlegen, ab welcher Größenordnung der Geschichte ich eine Art Gliederung brauche und wie detailliert sie sein sollte, um trotzdem noch genügend Schreibspielraum zu haben.

Das Ergebnis

So, und hier nun der Text. Die Betreuerin war insgesamt wohl zufrieden. Über ein paar Hinweise von Euch würde ich mich wieder sehr freuen.

Der nette Kollege

Kevin reißt die Tür auf, stürmt in das Büro und knallt seine Tasche auf den Schreibtisch. Dass alles von oben herab wirkt, hat nicht nur mit seiner schlaksigen Länge zu tun. Seit er vor zwei Jahren frisch von der Uni kam, meint er, der Alleskönner zu sein, und lässt das auch seine Kollegen spüren.

„Na, Gislinde! Gestern wieder schön Fernsehen geguckt?“, ist eine seiner harmlosen Begrüßungen. Gislinde arbeitet in der Firma, seit sie ihre Lehre als Industriekauffrau abgeschlossen hat. Inzwischen ist sie Mitte 40, hat zwei Kinder und einen Mann. Das Familienleben ist ihr wichtig.

Auch seinen Kollegen Knut begrüßt Kevin abwertend und macht sich dabei über dessen Spiritualität lustig.

Kurz nach Arbeitsbeginn kommt Herr Meister, der Vorgesetzte, herein und erklärt die Aufgaben des Tages. „Wird gemacht, Chefe!“ Beinahe salutiert Kevin.

„Gislinde, du kannst dich um die Schreibarbeiten kümmern. Knut und ich machen die Recherche. Danach hilft dir Knut beim Text“, kommandiert Kevin.

Gislinde ist das gewohnt. Da ihr ihre Arbeit Spaß macht, kann sie über Kevins schnodderigen Ton hinwegsehen. Knut greift oft auf sein inneres „Om!“ zurück, kann sich manchmal aber einen Kommentar nicht verkneifen: „Den Chef-Titel musst du dir aber erst noch verdienen“, sagt er dann.

In der Mittagspause gehen die drei gemeinsam in die Kantine zum Essen.

„Hey, Leute! Letztens war ich auf einem Meditationswochenende. Das wäre echt was für dich gewesen, Knut“, gibt Kevin an.

„Wieso?“, hakt Knut nach.

„Wir haben draußen im Wald gesessen. Die Bäume um uns rum. Und klar, die sprechen mit einem.“ Kevin grinst.

„Ach ja?“ Das überzeugt Knut nicht.

„Aber ja doch. Ich hab‘ sogar Bilder gemacht“, prahlt Kevin.

„Die würde ich gern mal sehen.“ Knut zweifelt immer noch.

„Klaro, gleich morgen“, verspricht Kevin.

Nun muss Kevin nur noch ein solches Foto auftreiben. Ihm fällt eine ehemalige Freundin ein, die ein Fotostudio betreibt. Klar, er hatte sie abserviert, dieses kleine, zarte Wesen. Aber sie hat ihn so geliebt, dass sie ihm wohl auch jetzt diesen Wunsch nicht abschlagen wird.

Mit einem „Hey, Caroline! Ich brauche mal deine Hilfe“ platzt Kevin in ihr Fotostudio.

„Hi, Kevin. Schön, dich zu sehen. Worum geht’s denn?“ Caroline freut sich aufrichtig.

„Knips‘ mich doch mal, wie ich wie zum Meditieren dasitze und kopiere das dann in ein Foto von einem Wald. Ich muss meinen Kollegen weismachen, dass ich in der freien Natur meditiert habe.“

„Meinst du nicht, dass der Schwindel auffällt?“ Caroline ist skeptisch.

„Nicht, wenn du es vernünftig machst“, kontert Kevin.

„Okay. Setz‘ dich hier hin.“

Kevin überschlägt die Beine im Lotussitz.

„Willst du den Anzug anlassen?“, fragt Caroline.

„Klar, wieso nicht. Der Anzug ist ich – ich bin der Anzug.“

„Dann zieh‘ wenigstens die Socken aus“, schlägt Caroline vor.

„Schon gut. Jetzt sei mal nicht so pingelig.“ Kevin wird ungeduldig, zieht aber die Socken aus.

Caroline fotografiert Kevin ein paar Mal. Dann setzt sie sich an den Computer, baut das Bild zusammen und druckt es ein paarmal aus. Kevin reißt ihr die Fotos aus der Hand.

„Cool. Das passt. Dann bis bald also.“ Schon ist Kevin durch die Tür. Caroline ruft ihm hinterher: „Schön, dass du da warst.“

Am nächsten Morgen fliegt nicht nur Kevins Aktentasche, sondern auch das Foto auf den Schreibtisch.

„Hier! Glaubst du es nun?“, fragt Kevin provozierend.

Knut braucht sich das Bild nicht lange anzuschauen. Die Perspektive stimmt in keiner Weise und die Natur war vor ein paar Tagen auch noch nicht so weit: „Ja, ich glaube dir. – Ich glaube dir, dass du ein Aufschneider bist.“

Wir sehen uns auf dem Weg.
Let’s go!
Belana Hermine