2011: 009) Islares – Santona


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9. Tag – Donnerstag, 14.7.2011

von Islares nach Santona; 34 km; 610 Hm

Die Nacht war grausig. Über mir schnarchte einer ununterbrochen. Die Matratze war so dünn, dass ich gar nicht auf der Seite liegen konnte, weil mir dann mein Beckenknochen weh tat. Ich war richtig froh, als die Nacht vorbei war und ich endlich aufstehen konnte. Aber ich war auch ziemlich wütend. Beinahe hätte ich meinen Hut vergessen. A. hat mich daran erinnert. Dann bin ich also losgestiefelt, auch in der Hoffnung, den Frust irgendwie loszuwerden. Unterwegs habe ich auf alles Mögliche geschimpft. Ich habe ja schon gestern mal ganz böse geflucht, weil mein Hut ständig Anstalten machte wegzufliegen. Für heute gab es zwei Möglichkeiten: Entweder auf der Straße und dafür 10 km sparen oder auf dem „richtigen“ Weg. Ich dachte, ich könnte auf der Straße gehen, wäre früh in der Herberge und könnte dann noch die Bergumrundung machen. Aber die Straße habe ich irgendwie verpasst. Als ich es gemerkt hatte, war ich auch schon für den anderen Weg etwas falsch gegangen. Na, toll. Irgendwann habe ich ihn wieder gefunden. An einer Stelle dachte ich, ich könne abkürzen. Das war aber ein voller Trugschluss. Irgendwann war ich wieder auf dem normalen Weg, an der Stelle, an der ich ihn verlassen hatte. Na, toll. Ein bisschen hatte ich schon Panik, dass ich mich nun gar nicht mehr finde. Aber dann habe ich A. überholt. Ich habe mich in mehrfacher Hinsicht gefreut, ihn wiederzusehen. Auf meinem Umweg zwecks Abkürzung kam ich an einem Gehöft vorbei. Dort gab es drei frei laufende Hunde. Meist sind sie ja angekettet und kläffen nur oder schlafen sogar (Wecke keine schlafenden Hunde!). Aber nicht so diese. Der Besitzer war in seiner Garage und fummelte irgendwas. Er hat die Hunde zwar zurückgepfiffen, aber nur einer hat gehört. Die anderen beiden kamen hinter mir her. Der eine stupste mich in die Wade. Ich habe keine Ahnung, ob er es nur nicht geschafft hat zuzubeißen. Na, das wäre ja definitiv das Ende des Weges gewesen. Kurz danach kam mir ein Typ mit einem großen Papagei auf dem Arm entgegen. Ob der wohl zum Zirkus gehörte, der einige km weiter aufgebaut war? Ein Stück weiter stand ein Hund auf dem Weg, niemand dabei. Na, toll. Also bin ich vorsichtig an ihm vorbei. Gerade geschafft, da zischte ein Fahrradpilger an mir vorbei. Man, was habe ich mich erschrocken. Alles zusammen führte dazu, dass ich mich völlig klein und hilflos fühlte. Aber ich hatte es ja gemeistert. Trotzdem hatte ich das Bedürfnis, dass mich irgend jemand in den Arm nimmt. Das kleine Kind brauchte Schutz und Trost. Aber da gibt es wohl nur einen, der das geben kann: ich. Aber wie? Das wäre also herauszufinden.

Heute morgen hatte ich so das Gefühl, dass ich mich mal aus diesem Etappengehen herausnehmen muss. Irgendwie war es so Etappe, Etappe, Etappe, Santiago, nach Hause. Eine Woche ist schon reichlich um. Noch zwei und alles ist vorbei. Okay, das ist krass, aber das war so die Panik. Ich werde morgen noch bis zu der schönen Herberge gehen. Mal sehen, wenn ich mich traue, frage ich, ob ich dort zwei Nächte bleiben darf. Und dann gehe ich einfach los und halte dort an, wo ich Bedarf habe oder wo es mir gefällt. Heißt natürlich auch, dass ich einige Leute nicht mehr wiedersehe. Um einige würde es mir leid tun. Aber vielleicht lerne ich auch Neue kennen.

Heute schlafen wir in Zelten. Die Jugendherberge des Ortes ist belegt, hat aber im Sommer ein paar Zelte für Pilger aufgestellt. In dem Buch steht zwar, dass es im Sommer ca. 80 Plätze mehr gibt als sonst. Aber so viele sind es niemals.

Nachtrag zur Tour nach Lezama: Durch die herzliche Umarmung des Mönchs war ich ja eh etwas weich drauf. Und die Anstrengung hat ihr Übriges getan. Aber irgendwie habe ich Gott (oder wen auch immer) gebeten, meinen Eltern zu vergeben. Ja, ich denke, sie haben Vergebung verdient. Aber ich bin noch nicht so weit, sie ihnen zu geben. Vielleicht geht es bis dahin so.


weiter mit Santona – Güemes


 

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